Experte kritisiert neue Studie: Schlauere Kinder mit der richtigen Ernährung – was dran ist
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Macht gute Ernährung Kinder klüger? Eine neue Übersichtsarbeit macht damit Schlagzeilen. Warum diese Analyse zur Kinderernährung deutlich weniger aussagt, als viele Berichte suggerieren.
Eine neue Übersichtsarbeit sorgt derzeit für mediale Aufmerksamkeit: Wer als Kind besser ernährt wurde, sei später intelligenter und schulisch erfolgreicher. Die Forscher werteten 73 Studien aus. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Aus einigen statistischen Zusammenhängen wird schnell eine deutlich stärkere Botschaft gemacht, als die Daten tatsächlich hergeben.
Die Forscher führten keine eigene Untersuchung durch, sondern werteten bestehende Forschung zur Ernährung und geistigen Entwicklung von Acht- bis Neunzehnjährigen aus. Berücksichtigt wurden 48 Interventionsstudien und 25 Beobachtungsstudien, darunter einige, die bereits im Säuglingsalter begannen.
Die auffälligsten Befunde stammen aus diesen Langzeit-Beobachtungsstudien: Kinder mit einer insgesamt besseren Ernährung in den ersten Lebensmonaten erreichten später im Durchschnitt höhere Werte in IQ-Tests oder bei schulischen Leistungen. Genau hier beginnt jedoch das zentrale Problem.
Uwe Knop ist evidenzbasierter Ernährungswissenschaftler, der fundierte Orientierung für selbstbestimmte Ernährungsentscheidungen bietet. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Beobachtungsstudien können zeigen, dass zwei Dinge gemeinsam auftreten. Sie können aber nicht beweisen, dass das eine die Ursache des anderen ist. Die Autoren selbst weisen auf erhebliche methodische Schwächen hin. Besonders bemerkenswert: Von den 13 Säuglings-Kohortenstudien kontrollierten nur zwei für den IQ der Mutter. Gerade dieser Faktor gilt jedoch als wichtiger Einfluss auf die spätere kognitive Entwicklung eines Kindes. Hinzu kommt, dass viele Studien weder das häusliche Lernumfeld noch die aktuelle Ernährung der Kinder ausreichend berücksichtigten.
Familien mit einer hochwertigeren Säuglingsernährung unterscheiden sich häufig auch hinsichtlich Bildung, Einkommen, Gesundheitsbewusstsein und Förderung der Kinder. Bemerkenswert ist zudem: Die beobachteten Zusammenhänge wurden nach statistischer Kontrolle solcher Störfaktoren durchweg deutlich kleiner. Das spricht dafür, dass ein erheblicher Teil des Zusammenhangs durch soziale und familiäre Einflüsse erklärt werden könnte.
Auch die Ergebnisse zu den IQ-Bereichen passen dazu. Die Zusammenhänge waren beim verbalen IQ insgesamt konsistenter als beim nonverbalen IQ. Das könnte darauf hindeuten, dass Umweltfaktoren wie Bildung, Sprachförderung und familiäre Anregung zumindest einen Teil der beobachteten Effekte erklären. Wie groß der eigenständige Beitrag der Ernährung tatsächlich ist, bleibt offen.
Für belastbarere Aussagen braucht man kontrollierte Interventionsstudien. Doch auch diese sind oft durch methodische Schwächen, wie zu kurze Interventionsdauern oder unzureichende Compliance, limitiert. Von den 48 Interventionsstudien wurden 35 nach den besten wissenschaftlichen „Cochrane-Kriterien” als methodisch problematisch eingestuft, weitere acht wiesen sogar ein hohes Verzerrungsrisiko auf.
Häufige Probleme waren fehlende Verbindung, kleine Teilnehmerzahlen oder Schwächen bei der Randomisierung. Für Omega-3-Fettsäuren, Cholin, Vitamin D, Vollkornprodukte, Polyphenole, nordische Ernährungsmuster oder Schulfrühstücksprogramme ergab sich kein einheitliches Bild. Einige Studien fanden positive Effekte, andere nicht. Bei Omega-3 zeigten einzelne Untersuchungen Hinweise darauf, dass Verbesserungen eher dann auftraten, wenn sich der Omega-3-Status im Körper tatsächlich deutlich erhöhte. Von einem gesicherten Effekt kann jedoch auch hier keine Rede sein.
Die vergleichsweise konsistentesten Hinweise fanden sich bei Eisen und Jod – insbesondere dann, wenn ein klinischer Mangel oder ein suboptimaler Versorgungsstatus korrigiert wurde. Das ist biologisch plausibel. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass gesunde Kinder durch bestimmte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungen generell intelligenter werden. Entsprechend vorsichtig fällt das Fazit der Autoren aus: Derzeit gibt es keine einzelne Ernährungsmaßnahme, die nachweislich die geistige Leistungsfähigkeit aller Kinder und Jugendlichen verbessert.
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Bildquelle: Springer
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„Erfolgreich abnehmen und schlank bleiben“ von Uwe Knop
Die 73 Studien unterschieden sich stark hinsichtlich Alter der Teilnehmer, Ernährungsmessung, Testverfahren und Studiendesign. Teilweise wurden schulische Leistungen sogar über selbst berichtete Noten erfasst. All das verwässert die Daten noch mehr und lässt definitiv keine Kausalaussagen zu – "Beweise" also liefert diese Studie absolut keine!
Die Studie liefert nur eine plausible Hypothese: Eine insgesamt gute Ernährung in den frühen Lebensjahren könnte mit einer günstigeren geistigen Entwicklung zusammenhängen. Mehr aber auch nicht. Die vorliegenden Daten beweisen weder, dass bestimmte Lebensmittel Kinder schlauer machen, noch dass einzelne Nährstoffe langfristig die Intelligenz steigern. Für die zentralen Langzeitbefunde fehlen überzeugende Kausalnachweise.
Eltern sollten sich von solchen Studien nicht unter Druck setzen lassen, die vermeintlich perfekte Kombination aus Omega-3, Eisen, Jod oder anderen Nährstoffen finden zu müssen, um die Intelligenz ihrer Kinder zu optimieren. Wichtiger als einzelne Lebensmittel sind die drei V: Vielfalt, Verfügbarkeit und Vorleben.
Eine breite, frische und abwechslungsreiche Auswahl anbieten, gesunde Optionen im Alltag leicht verfügbar machen und selbst einen entspannten Umgang mit Essen vorleben. Dafür gibt es zwar keine spektakulären Schlagzeilen – aber bislang auch keine überzeugenden wissenschaftlichen Gegenargumente. In diesem Sinn: Genießen Sie die breite Vielfalt frischer Lebensmittel – und zwar zusammen mit Ihren Kindern. Guten Hunger!
FOCUS
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