Beziehungspsychologe erklärt: Wer jung heiratet, kennt noch kein Leben ohne Partner
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Heiraten Paare in jungen Jahren, sind sie oft anpassungsfähiger und bringen weniger Altlasten mit. Gleichzeitig entwickeln sich Persönlichkeit und Lebensziele noch stark.
Die Trennung von Thomas und Lisa Müller hat viele bewegt. Ein Paar, das sich mit 20 Jahren das „Ja-Wort” gegeben hat. Das zusammen durch Höhen und Tiefen gegangen ist. Das für viele wie ein Vorbild für eine echten und auch bodenständigen Liebe gewirkt hat.
Wieland Stolzenburg ist Beziehungspsychologe und begleitet Menschen mit Büchern, Online-Kursen und Beratung auf ihrem Weg zu erfüllenden Beziehungen - zu sich selbst, ihrem Partner und anderen. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Wer früh heiratet, bringt oft etwas mit, das mit den Jahren seltener wird: Offenheit und Elastizität. Man trägt weniger Beziehungsgeschichte mit sich, hat vielleicht noch nicht so viele Verletzungen erlebt, wurde in einer Partnerschaft seltener enttäuscht oder hintergangen.
Zudem sind wir in unserer Persönlichkeit noch nicht so festgefahren, wie es mit 35 oder 50 Jahren mehr der Fall ist.
Das ermöglicht es dem Paar leichter, gemeinsam zu wachsen, sich gegenseitig zu formen und ein gemeinsames (Beziehungs-)Leben aufzubauen. Wer jung heiratet, kennt oft noch kein Leben ohne den anderen. Das kann heißen, dass man gar nicht erst lernt, nur für sich zu denken, und der andere von Anfang an einfach dazugehört.
In meiner Arbeit als Beziehungspsychologe erlebe ich immer wieder Paare, die genau das geschafft haben: Sie sind nicht nur trotz Ihrer Jugend zusammengeblieben, sondern auch wegen ihr.
Gleichzeitig gibt es auch Risiken, wenn man in jungen Jahren heiratet. Mit 20 ist die Persönlichkeit noch nicht ausgereift. Man weiß noch nicht genau, wer man ist und ist noch mehr auf der Suche. Die eigenen Werte, die Vorstellung von einem gelingenden Leben und von den eigenen Bedürfnissen kann sich insbesondere in jungen Jahren noch stärker verändern, als später.
Wenn sich zwei Menschen dann in eine unterschiedlich Richtung entwickeln, kann das zu einem Auseinanderleben führen, eben einfach weil sie jung sind und noch viel persönliche Entwicklung und Veränderung passieren kann. Das ist dann nicht zwingend ein Scheitern. Genau darum sollten Paare, die jung heiraten, darauf achten: Wer bin ich gerade? Wer bist du? Was ist mir wichtig und dir? Und stimmt das noch überein?
In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, dass Paare, die jung geheiratet haben und die es geschafft haben, zwei Dinge gemeinsam haben: Sie bleiben ehrlich, und beide sind bereit zu wachsen.
Das klingt einfacher als es in der Realität ist. Denn wenn zwei Menschen merken, dass sie sich gerade in unterschiedliche Richtungen entwickeln, kann Druck entstehen. Es kann passieren, dass sich dann einer verbiegt, damit die Beziehung nicht scheitert. Sie unterdrücken vielleicht, was sie wirklich denken, fühlen oder wollen, weil sie Angst haben, den anderen zu verlieren. Das aber führt langfristig in eine Sackgasse, weil sie sich selbst verlieren.
Eine Trennung kann in manchen Fällen sinnvoller sein als ein ständiges Durchkämpfen, bei welchem beide leiden. Aber vor einer Trennung würde ich Paaren empfehlen, sich Unterstützung zu suchen, zum Beispiel zu einer Paarberatung zu gehen, ehrliche Gespräche zu führen und bereit zu sein, die eigenen Muster anzuschauen und in die Eigenverantwortung zu gehen.
Studien, vor allem aus dem amerikanischen Raum, deuten darauf hin: Je jünger das Paar bei der Heirat, desto höher das statistische Scheidungsrisiko.
Wenn einer stehen bleibt und der andere wächst, ist es oft derjenige, der sich entwickelt, der irgendwann geht. Das erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder.
Ich glaube nicht, dass es das perfekte Alter für eine Eheschließung gibt. Ich habe Menschen erlebt, die mit 20 geheiratet haben und bis heute ein glückliches Miteinander führen. Und ich habe Menschen erlebt, die mit 50 geheiratet und eine gute Ehe haben. Genauso kenne ich alle Varianten von gescheiterten Ehen.
Was in meiner Erfahrung wirklich zählt, ist nicht das Alter auf dem Standesamt. Es ist eher die Frage, ob man sich selbst gut genug kennt, um zu wissen, ob der andere wirklich zu einem passt. Ob man sich in der Beziehung selbst treu bleiben kann, oder ob man sich ständig verstellen muss. Und ob beide bereit sind, die Muster und Verletzungen, die jeder aus der eigenen Geschichte mit sich trägt, anzuschauen und daran zu wachsen.
Das ist das eigentliche Fundament. Nicht ein Alter, nicht ein Datum.
FOCUS
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