„Der Mensch stirbt immer wieder, wenn er alkoholisiert ist“: Anika (38) spricht über ihr Leben mit alkoholkrankem Vater
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Anika wuchs mit einem alkoholkranken Vater auf. Trotz aller Traumata, die er ihr hinzufügte, liebte sie ihn. Über eine zerrissene Kindheit und den Kampf, sich aus einem Teufelskreis zu befreien.
Anika ist auf der Flucht vor einer riesigen Ratte. Panisch rennt sie über den Rasen zur Terrasse, will durch die Terrassentür zurück ins Haus fliehen. Doch die Tür ist verschlossen. Drinnen sitzt ihre Mutter mit dem Rest der Familie. Die Stimmung ist ausgelassen, sie trinken Alkohol.
Anika hämmert gegen die Scheibe: „Mama, lass mich rein!“ Doch ihre Mutter lächelt nur. „Geh außen rum!“, sagt sie. Plötzlich taucht hinter Anika das gigantische Nagetier auf. Es trägt einen gestreiften Pullover und sieht aus wie Freddy Krueger.
Es war ein Albtraum. Einer, der in ihrer Kindheit immer wiederkehrte, sagt die heute 38-Jährige im Gespräch mit FOCUS online. Die Ratte im Traum – das sei ihr Vater gewesen. Einerseits ein von seiner Alkoholkrankheit kontrollierter Mann. Andererseits ein sie abgöttisch liebender Vater. Ihr ganzes Leben lang habe er mit seiner Sucht gekämpft. 2015 gab sich sein Körper geschlagen.
Wenn Anika heute an ihren verstorbenen Vater denkt, ist da die Sehnsucht. „Wir hatten so viele Gemeinsamkeiten. Er war der Vater meiner Träume, von dem ich mir wünschte, er wäre noch da“, sagt sie. „Dann ist da aber auch Furcht, weil er die Quelle vieler Traumata ist.“
Anika ist eine von mehr als drei Millionen Betroffenen in Deutschland, die als Kinder oder Jugendliche mit einem suchtkranken Elternteil aufwachsen. Wie bei vielen anderen Kindern haben ihre Erlebnisse in ihrer Psyche tiefe Wunden hinterlassen. Sie sitzt an einer Hotelbar, die schlanken Finger umschlingen eine leere Cappuccino-Tasse, als sie von diesen lange offenen Wunden erzählt.
Erst vor kurzem hat Anika die vier Jahre dauernde Therapie ihrer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung erfolgreich abgeschlossen, sagt sie, lächelt und klatscht leise in die Hände, als würde sie sich selbst Applaus spenden. „Man kann es also daraus schaffen“, sagt sie.
Vor ihrem familiären Hintergrund ist das keine Selbstverständlichkeit. Schon ihr Vater war in seiner „sehr missbräuchlichen Familie“ aufgewachsen und entwickelte dadurch mehrere psychische Erkrankungen. Um damit zurechtzukommen, flüchtete er sich in den Alkohol – eine als Ausweg getarnte Sackgasse.
Eigentlich, sagt Anika, wollte sich ihre Mutter wegen der Alkoholsucht von ihrem Vater längst scheiden lassen. Doch als sie bemerkte, dass sie mit Anika schwanger war, blieb sie.
Wenn Anika an ihre Kindheit denkt, hat sie viele „Blackouts“. Oft kann sie sich nicht genau erinnern. Doch die ständige Angst vor ihrem alkoholkranken Vater ist nach wie vor präsent.
„Er war dann auf einmal zu viel von allem. Manchmal hat er plötzlich unfassbar laut klassische Musik angemacht oder selbst sehr laut gesprochen“, erinnert sie sich. Kam ihr Vater betrunken nach Hause, sperrte sich die Mutter mit Anika im Schlafzimmer ein. „Er ist manchmal auch sehr aggressiv geworden oder hat zu viel Liebe auf einmal eingefordert.“
Im Rausch sei ihr Vater gleichzeitig wie ein „Eiskönig“ gewesen, sagt Anika. „Obwohl alles so hochgepegelt war, hatte er so eine Eiseskälte, was Gefühle oder Empathie für den Menschen anging, der da vor ihm stand“, erinnert sie sich.
Durch die Erkrankung ihres Vaters litt sie als Kind unter Schlafstörungen. „Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich mal durchgeschlafen habe“, sagt Anika. Albträume plagten sie. Schemenhaft blitzen schlimme Erinnerungen auf – und verschwinden wieder. „Manche Boxen sind komplett zu.“
Die Angst vor Männern war groß. Vor dem lieben Kindergärtner, wegen dem sie als kleines Mädchen die Kita wechseln musste. Vor Fremden.
„Wenn ich alleine Bus gefahren bin und mir Männer zu nahe kamen oder zu lange guckten, bin ich einfach umgefallen“, sagt die 38-Jährige und dreht an ihrem Ehering, ihr Ehemann Leo sitzt ihr gegenüber. „Heute weiß ich, dass das Panikattacken waren, die ich schon als Kind erlebt habe.“
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Nüchtern wiederum habe ihr Vater eine ganz andere Persönlichkeit offenbart. Er sei ein guter Zuhörer gewesen, habe mit ihr gespielt und sie emotional aufgefangen. Mit seiner Tochter habe er die Liebe zur Musik geteilt und sie ermutigt, diese Leidenschaft zum Beruf zu machen. „Er war wie mein Cheerleader, und mein Seelenverwandter“, sagt die ausgebildete Musical-Darstellerin. Sie stockt kurz, unterdrückt aufsteigende Tränen.
Nach außen hin war Anika überangepasst und ruhig. Sie funktionierte. „Ich glaube, meine Mutter dachte, ich komme klar“, sagt sie. Innerlich zerbrach sie. Wenn sie sich heute Bilder von damals anguckt, kann sie kaum in ihre leeren Teenager-Augen sehen.
Von ihrer Familie bekam sie weder Unterstützung noch Halt. Das zeigt auch der wiederkehrende Albtraum mit der verschlossenen Terrassentür. „Es war nicht möglich, dass die Menschen, die hinter der Glasscheibe standen, die mir hätten aufmachen können, mich beschützt haben“, sagt Anika. „Sie waren selbst in diesen Verstrickungen gefangen.“
Ihre Mutter habe getan, was sie konnte. Nach der Scheidung vom Vater ging sie erneut eine Beziehung zu einem Alkoholiker ein.
Anika half ihre Liebe zu Gott. Schon als kleines Mädchen fühlte sie sich in der Kindergruppe ihrer lokalen Kirche geborgen. „Ich war mega Fan von Jesus“, sagt sie. Das ist auch noch heute so. Um ihren Hals hängt eine filigrane Kette mit einem Kreuz.
Außerdem flüchtete sie sich in die Musik, in Opern und Musicals. „Ich habe da eine Art Parallelwelt aufgebaut“, erklärt Anika. Vor dem Spiegel sang sie als kleines Mädchen die Lieder nach, wünschte sich innig, Teil dieser fiktiven Geschichten zu sein.
Schließlich ließ Anika die Parallelwelt real werden – oder die Realität Parallelwelt. Nach der Schule zog sie nach Hamburg, um eine Musical-Ausbildung zu absolvieren. Anika war in ihrem Element, insbesondere für ihre tragischen Figuren erhielt sie Bestnoten.
Bei einer Probe im Jahr 2010, als sie über eine Alkoholerkrankung in einer Partnerschaft sang, brach es schließlich aus ihr heraus. Weinkrampf, Panikattacke, Katastrophe. „Ich hatte nach wie vor keine Bilder vor Augen, aber all die Gefühle – diese panische Angst vor meinem Vater“, sagt Anika. Von jetzt auf gleich konnte sie nicht mehr ans Telefon gehen, wenn er anrief. Ihm nicht mal sagen, warum. Sie brach den Kontakt ab.
Auf Anraten ihrer Gesangslehrerin begann Anika mit ihrer ersten Therapie. Die Ausbildung schloss sie erfolgreich ab, zog nach New York, startete ins Berufsleben.
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2015, die Sängerin arbeitete mittlerweile in Wien, dann der Anruf von ihrer Mutter. Anikas Vater lag im Sterben. „Möchtest du ihn nochmal sehen?“ Anika wollte. Ein Wiedersehen zum Abschiednehmen – „es war sehr schwer“, sagt sie mit leiser Stimme. Bei ihrem letzten Treffen vergab Anika ihrem Vater. „Und er hoffentlich auch mir.“ Eine Woche später erlag ihr Vater seiner jahrzehntelangen Alkoholerkrankung.
Erst nach seinem Tod schafften es Anikas Geschwister und ihre Mutter, offen zu sprechen. Über die psychischen Traumata, die Misshandlungen. Jeder fand seinen eigenen Weg, mit dem Erlebten umzugehen. Alkoholismus ist eine Familienkrankheit, sagt Anika.
2020 gründete sie schließlich mit ihrem Ehemann Leo das Musikprojekt „Me and the Lion“, um auf psychische Gewalt und Co-Abhängigkeiten aufmerksam zu machen. 2023 veröffentlichte das Duo seine erste Single „Let The Rain Come“, 2024 feierten sie ihre Premiere mit einem Konzert in New York im Rahmen des Mental Health Awareness Months. Es folgen weitere Lieder, Konzerte auch in Deutschland, Musikvideos und ein Kurzfilm über psychische Gewalt.
Von der Resonanz ihrer Fans sind Anika und Leo überwältigt. „Uns haben Leute geschrieben, dass unser Konzert ihr Leben verändert hat“, sagt Anika. „Sie haben dadurch gemerkt, dass etwas nicht stimmt und das Konzert hat ihnen die Kraft gegeben, ihr Leben in die Hand zu nehmen.“
Auch für sie selbst ist das Musikprojekt wie ein Ventil, wie eine Entgiftung der Seele, sagt Anika. Heute schläft sie durch. Von der Ratte im Streifenpullover hat sie nie wieder geträumt.
Sollten Sie alkoholsüchtig sein und Hilfe suchen, finden Sie hier Hotlines und telefonische Beratungsstellen:
- Sucht- und Drogen-Hotline (bundesweit und rund um die Uhr): 01806 313031 (20 Cent / Anruf aus dem Festnetz, 60 Cent / Anruf aus dem Mobilfunk)
- BZgA-Infotelefon zur Suchtvorbeugung: 0221 892031 (Preis entsprechend der Preisliste deines Telefonanbieters für Gespräche ins deutsche Festnetz): Montags bis Donnerstags von 10 bis 22 Uhr, Freitags bis Sonntags von 10 bis 18 Uhr
- Im Netz finden Sie etwa Hilfe bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder Anonyme Alkoholiker.
- Bei Kenn dein Limit der BZgA gibt es zahlreiche Tipps, wie Sie weniger Alkohol trinken
FOCUS
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