Inflation, erwartet und unerwartet: Warum die Preise in Russland anhaltend schneller steigen als prognostiziert.

Die Preise steigen weiter, und leider schneller als erwartet und in den offiziellen Prognosen vorhergesagt. So geht beispielsweise die jüngste Prognose des russischen Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung (September) von einem Preisanstieg von 6,8 % bis 2025 aus, während die russische Zentralbank 6,5–7 % prognostiziert. Im Grunde genommen ist das Verhältnis nahezu identisch. Und alles wäre in Ordnung, wenn das Land nicht mit einer offiziellen Inflationsprognose von 4,5 % in das laufende Jahr gestartet wäre. Das bedeutet, dass die endgültige jährliche Inflation deutlich über dem Zielwert liegen wird. Diese Diskrepanz zwischen prognostizierter und tatsächlicher Inflation ist jedoch keineswegs ein Einzelfall. Beispielsweise wurde für 2024 ebenfalls eine Inflation von 4,5 % prognostiziert. Tatsächlich lag der Wert bei 9,5 %, also mehr als doppelt so hoch. Die Diskrepanz zwischen Prognose und tatsächlichem Ergebnis ist enorm. Es handelt sich hierbei um eine unerwartet hohe Inflation.
Um die Genauigkeit ihrer Inflationsprognosen zu verbessern, misst die russische Zentralbank seit Langem – und nicht ohne Grund – den Inflationserwartungen der Bevölkerung besondere Bedeutung bei. Und das zu Recht, denn die Inflationserwartungen sind längst zu einem wichtigen, unabhängigen Faktor geworden, der die Inflationsraten beeinflusst.
Was sind Inflationserwartungen? Der Name ist selbsterklärend: Es handelt sich um die Inflationsrate, die die Öffentlichkeit für einen bestimmten Zeitraum (z. B. ein oder fünf Jahre) erwartet. Daneben gibt es die sogenannte „bevölkerungsbezogene Inflation“, also die Einschätzung der aktuellen Inflationsrate durch die Bevölkerung selbst.
Doch zurück zu den Inflationserwartungen und warum sie so wichtig sind. Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung prognostiziert beispielsweise eine Inflation von 4 % im Jahr 2026. Die Bevölkerung hingegen erwartet für die nächsten zwölf Monate eine Inflation von 12,6 % (laut einer Umfrage der russischen Zentralbank vom Oktober 2025, durchgeführt von FOM im Auftrag der Zentralbank). Welch ein Unterschied – mehr als das Dreifache!
Es geht jedoch nicht nur um unterschiedliche Schätzungen; wir wollen nun die Bedeutung der Inflationserwartung verstehen. Diese ist wichtig, weil Menschen ihre Entscheidungen über den Umgang mit ihrem Geld und die Machbarkeit wirtschaftlicher Pläne auf Grundlage ihrer eigenen Inflationserwartungen treffen. Sie berücksichtigen zwar offizielle Prognosen, lassen sich aber letztendlich von ihrer eigenen Perspektive leiten – von ihren alltäglichen Erfahrungen. Anders ausgedrückt: Ihr wirtschaftliches Verhalten hängt maßgeblich von der Inflationserwartung ab.
Darüber hinaus orientieren sich nicht nur Privatpersonen, sondern auch Unternehmen an den erwarteten Inflationsraten. Sie bilden unter anderem die Grundlage ihrer Preis- und Investitionspolitik. Unternehmen haben festgestellt, dass die erwarteten Inflationsraten zwar in der Regel etwas zu hoch angesetzt sind, sich aber oft als näher an den tatsächlichen Werten erweisen als die offiziell prognostizierte Inflation. In diesem Fall können Unternehmen die Preise für ihre Waren oder Dienstleistungen vorsorglich erhöhen.
Es zeigt sich, dass die Inflationserwartung die tatsächliche Inflation beeinflusst, wenn auch indirekt.
Dies ist übrigens ein Beispiel dafür, warum die moderne Wirtschaftswissenschaft zu Recht als Verhaltensökonomie bezeichnet wird. Schließlich handelt es sich lediglich um Erwartungen, Vorstellungen darüber, wie sich die Preise in Zukunft entwickeln könnten, doch diese beeinflussen die Preise bereits jetzt durch das Verhalten der Menschen.
Interessanterweise beeinflusst die tatsächliche Inflation auch die erwartete Inflation. Ganz einfach: Beschleunigt sich das Preiswachstum, spiegelt sich diese Beschleunigung zwangsläufig in den erwarteten Inflationszahlen wider.
Okay, es besteht also ein Zusammenhang zwischen tatsächlicher und erwarteter Inflation. Aber warum ist der Unterschied zwischen der offiziell prognostizierten und der erwarteten Inflation so groß? Die Antwort darauf ist dieselbe wie die darauf, warum die offizielle Inflation fast immer deutlich niedriger ist als die von den Verbrauchern selbst geschätzte Inflation (die sogenannte beobachtete Inflation). Der Grund ist rein psychologischer Natur: Verbraucher konzentrieren sich stets auf die Waren und Dienstleistungen, deren Preise am stärksten steigen. Sie schenken Dingen, deren Preise nicht steigen oder die sogar günstiger werden, wenig Beachtung. Das ist ganz natürlich. Daher entsteht der Eindruck, dass die Inflation viel höher ist als die offizielle tatsächliche Rate.
Betrachten wir die Situation anhand eines konkreten Beispiels. Ende Oktober letzten Jahres (nehmen wir beispielsweise die Woche vom 21. bis 27. Oktober) stiegen die Preise laut Rosstat insgesamt um 0,16 %. Weniger als zwei Zehntel Prozent sind sehr gering und kaum wahrnehmbar. Aber Sie werden mir zustimmen, dass es uns nicht so vorkam. Und das lag daran, dass allein in dieser Woche die Gurkenpreise um mehr als 5 % und die Tomatenpreise um fast 3,2 % stiegen (seit Anfang Oktober sind die Tomatenpreise um fast 24 % gestiegen).
Die Benzinpreise steigen weiter. Zwar nicht so stark wie Gurken und Tomaten, aber 0,4 % innerhalb einer Woche sind dennoch ein deutlicher Anstieg, insbesondere im Vergleich zu den allgemeinen Preissteigerungen bei Waren und Dienstleistungen in den letzten sieben Tagen.
In dieser Situation bestimmen Tomaten, Gurken und Benzin, wie die Menschen die tatsächliche und die erwartete Inflation wahrnehmen. Die Öffentlichkeit wird kaum darauf achten, dass einige Produkte in der Woche vom 21. bis 27. Oktober sogar im Preis gefallen sind: Staubsauger beispielsweise um 1,4 %, Smartphones um 1,2 %. Aber mal ehrlich, von Staubsaugern und Smartphones reden wir schon, wenn Gurken und Tomaten so schlecht dastehen? So entstehen Inflationserwartungen. Das erklärt auch, warum sie oft überschätzt werden.
Warum wird die offiziell prognostizierte Inflation aber oft im Gegenteil unterschätzt? Die sozioökonomische Entwicklungsprognose der Russischen Föderation für 2026 und den Planungszeitraum 2027/28 geht von einer Inflation von 4 % in den nächsten drei Jahren aus. Ehrlich gesagt ist das unwahrscheinlich. Doch warum verteidigt die Zentralbank ihr Inflationsziel von 4 % so vehement?
Ich vermute, dass hier auch die Inflationserwartungen eine Rolle spielen. Es gibt einen Grund dafür, dass die offiziell prognostizierte Inflation unangemessen niedrig erscheint. Genau so versuchen Regulierungsbehörden, die Inflationserwartungen zu beeinflussen.
Die Logik ist folgende: Die offizielle Inflationsprognose dient als Richtwert, eine Art Anker, den weder Privatpersonen noch Unternehmen ignorieren können. Doch während Unternehmen diesen Richtwert akzeptieren, bin ich mir bei der Öffentlichkeit keineswegs sicher. Verbraucher haben einen anderen Maßstab, beispielsweise Gurken und Tomaten. Von welcher Inflationsprognose sprechen Sie?
Es stellt sich also heraus, dass – um es ganz deutlich zu sagen – zu niedrige Inflationsprognosen die Inflationserwartungen nicht wirklich auf dem richtigen Niveau verankern.
Es gibt noch ein weiteres Problem. Damit offizielle Prognosen und Zielvorgaben die Inflationserwartungen beeinflussen können, müssen sie von den Verbrauchern als glaubwürdig wahrgenommen werden. Leider vertrauen viele, die die offiziellen Prognosen überhaupt kennen, ihnen nicht besonders. Folglich spielen sie bei der Gestaltung der Inflationserwartungen praktisch keine Rolle.
Die Schlussfolgerung lautet: Selbst wenn die offiziellen Inflationsprognosen nicht so optimistisch sind, wird es sowohl den Inflationserwartungen als auch dem Niveau der tatsächlichen Inflation zugutekommen, wenn sie zuverlässiger werden.
Ein weiterer interessanter Fakt ist, dass die Inflationserwartungen, obwohl sie oft überschätzt werden, der tatsächlichen Inflation näher kommen als offizielle Prognosen und auch als die Schätzungen professioneller Analysten. Laut einer Umfrage der russischen Zentralbank prognostizierten professionelle Analysten beispielsweise eine Inflation von 4,6 % für Russland im Jahr 2024. Diese erwies sich als deutlich niedriger als die tatsächliche Inflationsrate von 9,5 %. Die Inflationserwartungen für 2024 (11,5 %) lagen deutlich näher an der tatsächlichen Inflation. Professionelle Analysten müssen ihre Einschätzungen der Inflationserwartungen verbessern. Die Lage sieht nicht gut aus: Sie befragten Personen, die sich am „Gurken-und-Tomaten-Modell“ orientieren, und deren Schätzungen erwiesen sich als genauer als die der professionellen Analysten – Finanzexperten und Ökonomen.
Die Inflationserwartungen sind heute hoch: 12–13 % sind viel. Die Auswirkungen dieser hohen Inflationserwartungen werden leider erheblich sein. Das bedeutet, dass das Problem der hohen Inflation schon immer bestanden hat und weiterhin besteht. Doch vor nicht allzu langer Zeit, im Jahr 2017, lag die Inflation bei lediglich 2,5 %. Das heißt, nichts ist unmöglich: Die Preissteigerungen können deutlich reduziert werden. Wir erwarten jedoch nicht, dass dies in nächster Zeit geschieht.
mk.ru



