Von wegen Verlustangst: Viel mehr Menschen als gedacht sind bereit, Risiken einzugehen

Lange dachte man, dass die meisten Menschen Risiken scheuen. Aber das stimmt nicht. Man hat einfach zu lange nur jene Personen untersucht, bei denen sich dieses Muster zeigt: Studenten. Die Kolumne «Psychologie des Alltags».
Franca Cerutti

Brooke Pennington / Getty
Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, gilt als Gradmesser unserer Lebenseinstellung: Optimisten sehen, was sie haben, Pessimisten sehen, was fehlt. So weit die Alltagsweisheit. Nur ist es mit dem Glas komplizierter, als das Sprichwort nahelegt. Denn ob wir den Füllstand als befriedigend erleben, hängt weniger von unserem Charakter ab, als davon, was vorher im Glas war. War es zuvor leer, ist eine halbe Füllung ein Gewinn. War es zuvor randvoll, signalisiert der gleiche Füllstand einen Verlust.
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In dieser Kolumne schreibt die Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin Franca Cerutti regelmässig über Alltägliches mit psychologischem Tiefgang.
Wir bewerten Ergebnisse nicht absolut, sondern immer relativ zu einem Ausgangspunkt. Und dabei wiegen Verluste subjektiv schwerer als gleich grosse Gewinne – ein Phänomen, das als «Verlustaversion» bekannt wurde.
Der Verlust von hundert Franken schmerzt gemäss der Forschung doppelt so stark, wie uns der Gewinn von hundert Franken erfreut. Das Konzept der Verlustaversion wurde zur Erklärung für vieles herangezogen – warum wir an schlechten Investments festhalten, warum Preiserhöhungen uns mehr empören, als uns gleichwertige Rabatte erfreuen, warum wir Risiken scheuen, selbst wenn sie sich rechnerisch lohnen würden. Verlustaversion galt als Grundgesetz menschlichen Entscheidens. Frühere Laborstudien zeigten regelhaft, dass 70 bis 90 Prozent der Teilnehmer eine Verlustaversion aufwiesen. Nach dem Motto: «Lieber nicht gewinnen, als zu verlieren.»
Nun hat ein kalifornisches Forschungsteam diese Annahme auf den Prüfstand gestellt – und zwar nicht wie üblich im Labor mit Studierenden, sondern in drei repräsentativen Befragungen der amerikanischen Bevölkerung mit insgesamt 3000 Teilnehmern.
Das Ergebnis, das 2025 im «Review of Economic Studies» veröffentlicht wurde, läuft den bisherigen Erkenntnissen zuwider: Rund 50 Prozent der Befragten waren gar nicht verlustaversiv. Sie nahmen bereitwillig Wetten an, bei denen sie im Durchschnitt mehr verlieren als gewinnen konnten, und zeigten sich unempfindlich gegen Einbussen. Die Erklärung dafür lässt universitäre Untersuchungsdesigns nicht gut aussehen: Fast die gesamte bisherige Forschung hatte Studierende untersucht – eine Gruppe mit überdurchschnittlicher kognitiver Leistungsfähigkeit. Was jahrzehntelang als universelles Merkmal menschlicher Psyche galt, war zu einem erheblichen Teil ein Artefakt der verkopften Stichprobe.
Die Studie zeigt auch, wohin Verlusttoleranz im Alltag führt: Verlusttolerante Teilnehmer nahmen häufiger an Glücksspiel teil, erlitten öfter finanzielle Rückschläge und besassen weniger Vermögen. Die Autoren halten es für möglich, dass wiederholte Verlusterfahrungen die Angst vor weiteren Verlusten abstumpfen lassen – die Kausalrichtung bleibt offen, doch die Korrelation ist deutlich. Verlustaversion existiert, aber sie ist offenbar kein Naturgesetz. Überspitzt gesagt: Ein halbvolles Glas, das zuvor randvoll war, schmerzt vor allem Akademiker, die Verluste nicht gewohnt sind.
Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin, Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, ohne Kaffee ist sie nicht sie selbst.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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