DATENANALYSE - Live-Daten zeigen: So nahe steht die Schweiz am Hitzerekord

Hitzetage und Tropennächte sind deutlich häufiger geworden. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Besonders in den Städten kühlt die Luft kaum mehr ab. Die neusten Zahlen zur Hitze in der grafischen Übersicht.

Illustration Anja Lemcke / NZZ
Eine Hitzewelle hat die Schweiz derzeit fest im Griff: Seit Tagen herrschen Temperaturen von weit über 30 Grad, Abkühlung gibt es nur am frühen Morgen oder durch Sommergewitter. Die Hitze ist dabei fast so gross wie im Sommer 2003, der an vielen Orten immer noch als Referenzwert gilt. In der Stadt Zürich ist man nicht mehr weit vom Rekordwert von 36 Grad Celsius entfernt. Am Wochenende könnte dieser laut Wetterprognose geknackt werden – und das schon im Juni.
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Auch in anderen Städten ist man dieses Jahr bereits nahe an den Allzeit-Rekordwert gekommen. In Bern, Neuenburg und Sitten beträgt die Differenz weniger als 2 Grad.
In grossen Teilen der Schweiz gilt derzeit die zweithöchste Gefahrenstufe, es besteht laut Meteo Schweiz ein grosses Risiko für Kreislaufbeschwerden und körperliches Unwohlsein. Die Ratschläge: viel Wasser trinken, im Schatten bleiben und körperliche Anstrengung zur heissesten Tageszeit meiden.
Ein Blick in die Wetterstatistiken zeigt, wie aussergewöhnlich die jetzigen Hitzetage sind, wie sie sich über die Zeit in Städten und auf dem Land verändert haben und wie es in Zukunft weitergehen könnte.
Die Städte heizen sich besonders stark aufAuffällig sind die unterschiedlichen Temperaturen in der Innenstadt und in den ländlichen Lagen. Während an der Wetterstation Zürich Kaserne im urbanen Kreis 4 die Temperatur in den letzten Nächten nicht unter 20 Grad gefallen ist, sank die Temperatur in Zürich Affoltern deutlich stärker. Die dortige Station liegt nördlich des überbauten Gebiets auf einem Feld. Tagsüber werden an beiden Stationen ähnliche Temperaturen gemessen, doch in der Nacht beträgt der Unterschied mehrere Grad.
Die Ursache der Temperaturunterschiede ist der sogenannte Wärmeinseleffekt. Die Oberflächen einer Stadt – Beton, Zement, Metall, Ziegelton – nehmen am Tag viel Sonnenstrahlung auf. Die Temperatur der Materialien steigt manchmal auf mehr als 50 oder 60 Grad Celsius. Die Oberflächen geben die gespeicherte Wärme in Form von Infrarotstrahlung wieder ab, was sich abends und nachts besonders stark bemerkbar macht.
Die hohen Gebäude in der Stadt bremsen ausserdem den Wind, der kühlere Luft bringen könnte. Auch gibt es in urbanen Quartieren weniger Vegetation als auf dem Land. Pflanzen senken durch Verdunstung auf den Blattoberflächen die Temperatur. Das Resultat: Nachts ist die Luft im Zentrum von Städten bis zu 7 Grad wärmer als im Umland.
Hitze beansprucht den menschlichen Körper stark. Die Haut wird stärker durchblutet, um die Wärme abzutransportieren. Darum muss das Herz mehr leisten als sonst. Es bildet sich Schweiss, der bei Verdunstung kühlt; dadurch gehen dem Körper aber wichtige Mineralstoffe verloren. Werden sie nicht ersetzt, kann es zu Krämpfen kommen. Ist es nicht nur heiss, sondern auch feucht, wird die Beanspruchung besonders gross. Gerade für ältere Personen kann das sehr belastend sein.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Hitzetage sowohl auf dem Land wie auch in der Stadt gestiegen. Auf dem Kasernenareal wurde die 30-Grad-Marke häufiger geknackt als in Zürich Affoltern.
Anders sieht die Situation in der Nacht aus. Eine Tropennacht – mit einer Tiefsttemperatur über 20 Grad – war in den vergangenen Jahren dank dem fehlenden Wärmeinseleffekt in Affoltern eine absolute Ausnahmeerscheinung. In der Innenstadt hingegen wurden regelmässig mehr als 10 Tropennächte pro Jahr verzeichnet.
Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten sind die Temperaturen in den Sommermonaten deutlich angestiegen. Das zeigen etwa die Daten der Zürcher Messstation Fluntern, die mehr als 120 Jahre zurückreichen. Die Station liegt an erhöhter Lage am Zürichberg, die Temperaturen sind hier etwas gemässigter als unten in der Stadt. Vor 50 Jahren wurden hier nur ab und zu einmal 30 Grad erreicht, es gab regelmässig Sommer ohne einen einzigen Hitzetag. Nun sind es im Schnitt mehr als 10 Hitzetage im Jahr.
Auch in Deutschland sind die Sommer in den vergangenen Jahrzehnten heisser geworden. Der Deutsche Wetterdienst berechnet regelmässig, wie viele Hitzetage es im Land im Durchschnitt gibt: Verglichen mit den 1980er Jahren verzeichnet man gegenwärtig rund dreimal so viele Hitzetage.
In den kommenden Jahrzehnten wird die Zahl der Hitzetage und jene der Tropennächte weiter steigen. Das zeigen die Klimaszenarien von Meteo Schweiz. In einer Welt, die sich gegenüber dem vorindustriellen Niveau um 2 Grad erwärmt hat, wird sich die Zahl der Hitzetage gegenüber der Normperiode 1991–2020 verdoppeln, bei 3 Grad Erwärmung wären die Werte nochmals deutlich höher.
In der Innenstadt von Zürich gäbe es bei einer Erwärmung um 2 Grad im Durchschnitt 23 Tropennächte und 30 Hitzetage pro Jahr. Auch am Zürichberg dürften ein paar Tropennächte pro Jahr zur Normalität werden. Verglichen mit dem, was uns noch bevorsteht, ist die derzeitige Hitzewelle geradezu moderat.
nzz.ch



