INTERVIEW - Tod durch Trauer: «Ja, an einem gebrochenem Herzen kann man sterben.»

Die Autorin Marjane Satrapi («Persepolis») ist kürzlich in Paris gestorben – angeblich vor Kummer. Der Göttinger Psychokardiologe Christoph Herrmann-Lingen erklärt im Gespräch, wie sehr die Psyche aufs Herz schlagen kann.

Gareth Cattermole / Getty
Anfang Juni starb die iranisch-französische Autorin Marjane Satrapi – laut einem Statement ihrer Angehörigen an Trauer über den Tod ihres ein Jahr zuvor gestorbenen Ehemanns. Über die genaue Todesursache von Satrapi ist bis jetzt nichts bekannt. Aber tatsächlich können extreme emotionale Belastungen lebensbedrohlich aufs Herz schlagen. Christoph Herrmann-Lingen ist Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen und renommierter Psychokardiologe. Er erklärt, was es mit dem Tod durch ein gebrochenes Herz auf sich hat.
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Herr Herrmann-Lingen, kann man an Trauer sterben?
Christoph Herrmann-Lingen: Ja, man kann an gebrochenem Herzen sterben. Man stirbt in der Regel nicht an der Trauer allein. Aber eine pathologische Trauerreaktion hat erhebliche biologische Auswirkungen. Der Antrieb sinkt, es können depressive Symptome auftreten, bis hin zu einer klinischen Depression. Trauer ist nicht gleichzusetzen mit Depression, aber auch sie hat biologische Auswirkungen. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass infolge von Verlusterlebnissen biologische Systeme durcheinandergeraten. Gut belegt ist zum Beispiel, dass nach dem Tod eines nahen Angehörigen vermehrt eigene Erkrankungen oder Todesfälle auftreten. Schon 1969 zeigte die britische Broken-Heart-Studie, dass das Sterberisiko von Witwern in den ersten Monaten nach dem Tod ihrer Ehefrau erheblich erhöht war. Verantwortlich war meist das Herz, aber auch Infektionskrankheiten.

Dann stimmt die populäre Wahrnehmung also, dass die Partner in langjährigen Ehen oft kurz aufeinander sterben?
Wir kennen alle ja auch Fälle, in denen ein Partner den anderen sehr lange überlebt – das ist also keine fixe Regel. Aber es gibt eben einen statistisch nachweisbaren Zusammenhang. Eine Studie im «New England Journal of Medicine» stellte vor zwanzig Jahren fest, dass nach dem Tod eines Partners das Sterblichkeitsrisiko des anderen in den Folgejahren um etwa zwanzig Prozent erhöht ist.
Wie kann man sich das erklären?
Solche Zusammenhänge sind psychobiologisch sehr plausibel. Dass die erwähnte britische Studie auch eine vermehrte Sterblichkeit durch Infektionskrankheiten zeigte, deutet zum Beispiel auf eine wichtige Rolle des Immunsystems hin. Wir wissen, dass Stress das Immunsystem erheblich beeinflussen kann. Die antivirale Abwehr ist eingeschränkt, dafür kommt es vermehrt zu unspezifischen Entzündungsprozessen, wie sie auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine Rolle spielen.
Apropos Herz: Wie wirkt sich Trauer auf das Pumporgan aus?
Tatsächlich können starke psychische Belastungen Herzinfarkte, akute Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörungen auslösen oder verschlimmern.
Es wird spekuliert, Marjane Satrapi sei am sogenannten Broken-Heart-Syndrom gestorben. Können Sie beschreiben, was dabei passiert?
Das Krankheitsbild ähnelt einem Herzinfarkt, ist aber keiner. Akuter Stress – häufig psychischer Natur, manchmal aber auch durch einen Unfall oder eine Operation bedingt – führt innerhalb von Stunden oder Tagen zu schweren Beschwerden, ähnlich wie bei einem Herzinfarkt. Man findet auch entsprechende Veränderungen im EKG oder in den Laborwerten. Wenn man per Herzkatheter nachsieht, sind die Herzkranzgefässe allerdings gar nicht verschlossen. Was man aber sieht: Die linke Herzkammer ist aufgebläht und pumpt nicht richtig.
Das Broken-Heart-Syndrom ist auch als Takotsubo-Syndrom bekannt. Was hat es mit dem japanischen Namen auf sich?
Bei der Erstbeschreibung 1990 durch japanische Kardiologen erinnerten sie die Befunde an ein Takotsubo, eine traditionelle, krugförmige Falle, mit der Fischer in Japan Oktopusse fangen. Die Herzkammer bekommt wie ein Takotsubo einen breiten Bauch und einen engen Hals. Das Blut bleibt in der Spitze der Herzkammer gefangen, weil diese nicht aktiv mitpumpt, während der Rest des Herzens noch arbeitet. Die Folge sind eine Ausbeulung der Kammer und eine akute Herzschwäche.
Wie kommt es dazu?
Diese akute Belastung geht mit hohen Spiegeln von Stresshormonen wie Adrenalin einher. Man spekuliert, dass diese Hormone Zellen direkt schädigen oder dass sich kleinere, per Katheter nicht sichtbare Herzkranzgefässe verkrampfen. Dadurch würden Teile des Herzens nicht genug mit Sauerstoff versorgt. Klar ist: In der Akutsituation ist das hochgefährlich. In den meisten Fällen erholt sich das Herz nach ein paar Tagen wieder. Dennoch haben die Betroffenen später ein erhöhtes Risiko für weitere Herzprobleme. Das Risiko ist deutlich höher bei Frauen nach den Wechseljahren und bei Menschen mit psychischen Vorerkrankungen, die weniger Resilienz gegenüber akutem Stress haben.
Es ist faszinierend, dass psychischer Herzschmerz derart deutliche körperliche Folgen hat, bis hin zu einer veränderten Form des Herzens.
Das Takotsubo-Syndrom ist eine sehr spezifische Folge von extremem Stress. Es hat in den letzten zwanzig Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen, weil der Zusammenhang dabei so deutlich ist. Psychische Stressbelastungen können aber auch wohlbekannte Herzkranzerkrankungen wie Herzinfarkte, Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen auslösen oder verschlechtern. Vermutlich ist das viel häufiger als das eigentliche Takotsubo-Syndrom. Stress wirkt sich auf den ganzen Körper aus. Der Mensch ist evolutionär eben darauf programmiert, bei Bedrohung in Flucht- oder Kampfbereitschaft zu gehen, was sich über die Stresshormone auf alle möglichen Körpersysteme auswirkt.
Aber im Vergleich zu einer biologisch sinnvollen, sehr kurzfristigen Stressreaktion ist die Trauer um den verstorbenen Partner eher eine chronische Angelegenheit.
Menschen sind Gruppenwesen. Deswegen erzeugt der Verlust des sozialen Umfelds – insbesondere der Partnerschaft – erheblichen Stress. Und der ist eben nicht so schnell bewältigt wie bei der erfolgreichen Flucht vor einem Raubtier.
Das Broken-Heart-Syndrom tritt, wie Sie sagen, innerhalb von Tagen nach starkem psychischem Stress auf. Im Fall von Marjane Satrapi lag der Tod ihres Ehemannes bereits mehr als ein Jahr zurück. Dass sie an diesem Syndrom gestorben ist, erscheint deshalb eher unwahrscheinlich.
Aber es kann durchaus sein, dass eine pathologische Trauer bei ihr über längere Zeit zu einer Depression und zu einer Abwärtsspirale mit entsprechenden körperlichen Folgen geführt hat. Aber solange wir nicht mehr über die genauen Umstände wissen, ist das reine Spekulation.
Die Verbindung von Hirn und Herz geht ja in beide Richtungen: Wenn jemand eine schwere Herzkrankheit erleidet, was bedeutet das dann psychisch für diese Person?
Wir sprechen beim Herzinfarkt von einem gleichzeitigen Ego-Infarkt. Das Selbstkonzept, die Phantasie der eigenen Unverwundbarkeit wird erschüttert. Das kann zu einem Teufelskreis führen: Wenn Patienten nach einem Infarkt depressiv werden, verschlechtert das wiederum den Verlauf der körperlichen Erkrankung.
Allerdings erhalten viele Patienten mit Herzproblemen keine psychologische Beratung.
Die Kardiologie ist eine akutmedizinische Disziplin; oft bleibt wenig Zeit für das subjektive Empfinden der Patienten. Bei Krebs ist eine psychoonkologische Betreuung längst Standard. In der Herzmedizin sind wir noch nicht so weit. In den Leitlinien steht zwar, dass die psychosoziale Situation der Patienten einzubeziehen sei, das ist eigentlich eine klare Vorgabe. Aber in der Praxis fehlt dafür oft die Zeit oder Expertise. Mein Plädoyer ist eine ganzheitliche Behandlung durch ein psychokardiologisches Team.
Wenn Herz und Psyche noch nicht gebührend zusammen behandelt werden, stellt sich die Frage: Wurde die Erkenntnis, dass sich beide gegenseitig beeinflussen, in der modernen Medizin ignoriert?
Diese Erkenntnis wurde nur eine Weile vergessen. Dabei sprachen schon die alten Ägypter von dem Ärger, der das Herz frisst. Und später galt das Herz als Sitz von Gefühlen und Seele. Erst mit dem Aufkommen der modernen Medizin geriet das aus dem Blickfeld, der Mensch wurde als blosse Maschine begriffen. Vor rund hundert Jahren begann dann mit der Psychosomatik eine Gegenbewegung. Ich habe mich in den neunziger Jahren nach einer Ausbildung zum Kardiologen diesem damals bereits etablierten Forschungsbereich zugewandt, um diese beiden Welten zu verbinden.
Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Psychokardiologie. Welche grossen offenen Fragen sehen Sie?
Die wirklich grosse Frage lautet für mich: Wie bekommen wir all das, was wir bereits wissen, besser in die breite Anwendung? Wie können wir den Teufelskreis zwischen Herzkrankheit und psychischen Leiden brechen und die Lebensqualität und die Prognose für die Patienten wirklich verbessern?
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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