Der Super-Joker: Dank Deniz Undav siegt Deutschland gegen Côte d'Ivoire

Der Stuttgarter erzielt beim 2:1 beide Tore. Undav war beim deutschen Nationaltrainer Julien Nagelsmann nicht hoch angesehen. Aber er macht sich unverzichtbar.

Natürlich musste sie kommen, diese Frage. Und zwar gleich zu Beginn, kurz nachdem Julian Nagelsmann, der deutsche Nationaltrainer, zur Pressekonferenz erschienen war. Dabei hatte er unmittelbar nach dem Abpfiff bereits eine Antwort auf die Leistung des Torjägers gegeben. Da war er aufs Feld gestürmt und umarmte den einen halben Kopf kleineren Undav, so dass von diesem nicht mehr viel zu sehen war. Und Nagelsmann hatte allen Grund dazu: In der 94. Minute hatte Undav für das DFB-Team den Siegtreffer gegen Côte d'Ivoire erzielt, seinen dritten Treffer im zweiten Turnierspiel. Nur war der Gegner von ganz anderem Kaliber als Curaçao, das mit 1:7 unterging.
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Undavs Name steht nun dafür, dass die deutsche Mannschaft die Vorrunde sicher überstanden hat. Ein intensives, hartes und kämpferisches Match gegen einen Gegner, der die Deutschen eine Stunde lang stets ans Limit trieb – und durch die 1:0-Führung von Franck Kessié nach einer halben Stunde die Befürchtung nährte, es könne erneut eine Havarie des DFB-Teams bei einer Weltmeisterschaft geben.

Dann kam Undav. Und mit ihm die Wende, mit dem Stürmer vom VfB Stuttgart, der ein ganz besonderes Verhältnis zu Julian Nagelsmann pflegt – und der zu ihm. Der beste deutsche Torschütze hat einen schweren Stand beim Nationaltrainer. Im Frühjahr, nach den Auftritten in Basel und Stuttgart, als die Deutschen nur dank Undav zu einem Sieg kamen, hatte er den eingewechselten Stürmer noch gerügt: Nicht der spektakuläre Treffer zähle, sondern die Leistung insgesamt, und die sei nicht gut gewesen. Ob er diesen Treffer erzielt hätte, wenn er schon 70 Minuten in den Knochen gehabt hätte – das stellte Nagelsmann in den Raum.
Nagelsmann und Undav haben eine VorgeschichteDas war eine eigenartige Methode, mit einem Spieler zu verfahren, den man eigentlich dringend brauchte – der aber aus unerfindlichen Gründen die Gnade des Trainers nicht hat. Allerdings korrigierte sich Nagelsmann einige Tage später: Er entschuldigte sich bei Undav für seine Aussage, seine Partnerin, eine ehemalige Journalistin der Bild-Zeitung, habe ihm dazu geraten.
Ob Nagelsmanns schwarze Pädagogik einen Effekt hatte, ist schwer zu sagen. Nicht ausgeschlossen dass Undav, ein origineller Charakter, der um direkte Rhetorik nie verlegen ist, sich dadurch besonders angestachelt fühlte. Ebenso könnte es ihn aber auch unbeeindruckt gelassen haben, und er tut einfach nur, was er sonst auch tut.

Das Auftreten Undavs lässt sich in seiner eigentümlichen Ungerührtheit eher als ein Indiz für Letzteres deuten. Als er zum Spieler des Spiels gewählt wurde, wurde er in der sogenannten Mixed Zone von Journalisten gefragt, ob er nicht einmal von Beginn an spielen wolle. Dazu sagte er lediglich: Das ist Sache des Bundestrainers. Der entscheidet, und daran hat er nichts auszusetzen. Allerdings ist eine Rolle als Joker keineswegs unwichtig. Schwer auszurechnen ist er, kaltschnäuzig, effizient – und das auf einem Niveau, das über die Bundesliga hinausreicht, wobei niemand wirklich zu sagen vermag, ob Undav auch in einem internationalen Spitzenklub reüssieren würde.
Immerhin: Dieses Mal hat er sich das Lob des Trainers verdient. Berühmt ist seine Fähigkeit, sich eine Tarnkappe überzuziehen und sich so für die Abwehr unsichtbar zu machen. Im Rücken des Gegners zu agieren, ohne dass dieser es bemerkt, das ist die Gabe des Deniz Undav, die nur wenige andere Stürmer so beherrschen: die Kunst des Spiels ohne Ball.
Und je länger Nagelsmann sprach, desto mehr zeichnete sich Erstaunliches ab: Es sei nicht ausgeschlossen, sagte Nagelsmann, dass Undav vielleicht bald einmal von Beginn an auflaufen werde. Allerdings: Warum sollte Nagelsmann dies nun ändern, wo er weiss , dass Undav die Rolle des Jokers so brillant ausfüllt? Einen Spieler wie ihn in ein Spiel hineinwerfen zu können, ist eine Variante, die entscheidend sein kann.

Zumal Undav seinen Wert gegen eine ganz besondere Kategorie von Gegner bekräftigte. Schliesslich hatte wieder einmal ein ungeschriebenes Gesetz seine Wirkung entfaltet: Afrikanische Teams, ganz gleich woher sie stammen, sind für deutsche Mannschaften äusserst unbequeme Gegner. 1982 machten sie erstmals schmerzliche Erfahrungen beim 1:2 gegen Algerien bei der Weltmeisterschaft; 1986 ging es mit Ach und Krach mit einem 1:0 gegen Marokko ins Achtelfinale weiter. 2002 geriet das entscheidende Spiel der Vorrunde gegen Kamerun zu einer regelrechten Schlacht.
Sowohl 2010 als auch 2014 hätte Ghana das Aus für das DFB-Team bedeuten können. Damals, als die Mannschaft den Titel gewann, war es ebenfalls ein Joker, der dafür sorgte, dass die Deutschen im Turnier blieben: Miroslav Klose scherzte nach dem Match darüber, dass er seinen «alten Kadaver» über das Feld geschleppt habe. Er war ein entscheidender Mann beim Titelgewinn, der sich daraufhin von seiner Rolle als Joker emanzipierte.
Undav steht in keiner schlechten TraditionInsofern steht Undav in gar keiner schlechten Tradition. Und für die Deutschen bedeutet dieser Sieg immerhin, dass erstmals seit dem Titelgewinn vor zwölf Jahren die Vorrunde überstanden wurde. «Die Jungs können stolz auf sich sein», sagte Nadim Amiri, der ebenfalls eingewechselt worden war, und er klang für einen Augenblick wie ein Trainer. Ein Teil seiner Familie, die aus Afghanistan stammt, lebt in Toronto; für ihn sei es das Grösste gewesen, hier ins Spiel zu kommen. Das alles klang fast schon ein wenig zu märchenhaft an diesem Nachmittag. Was vielleicht aber auch daran liegt, dass gute Nachrichten von einer WM einfach schon sehr lange zurückliegen.
nzz.ch


