Lasst das T-Shirt an, liebe Männer! Die Innenstadt ist kein Freibad

Sobald es heiß wird, fällt bei den Herren der Schöpfung die Oberkörperbekleidung. Warum die nackte Wahrheit in der Innenstadt nichts verloren hat.
Gestern Abend lief ich durch Berlin-Mitte, genauer gesagt durch die Krausnickstraße, und musste feststellen: Der Sommer ist da. Aber nicht nur auf die stimmungsvolle Art, die ein mediterranes Flair ins Stadtbild einziehen lässt. Er zeigte sich stattdessen in Form einer Gruppe junger Herren, die sich kollektiv ihrer Oberkörperbekleidung entledigt hatten und im Stuhlkreis auf dem Bürgersteig ihr Feierabendgetränk genossen.
Ich tat also das, was wohl jede Frau nur allzu gut kennt: Ich wechselte die Straßenseite, um der mutmaßlich unangenehmen Situation zu entgehen, mich beim Vorbeilaufen von einer Horde halbnackter Typen mustern zu lassen. Doch auf der gegenüberliegenden Seite wartete schon die nächste Falle: Ein weiterer oberkörperfreier Mann, der sich im Hauseingang platziert hatte. Neulich hatte sich ein Herr sogar dazu entschieden, sämtliche U-Bahn Pendler mit dem Anblick seines nackten Oberkörper zu „segnen“.
Gelbe Karte für die textile VerweigerungSobald das Thermometer die 25-Grad-Marke knackt, passiert etwas Sonderbares. Plötzlich erklären Menschen mit X- und Y-Chromosom die Innenstadt zum Freibad. Liebe Männer, wir müssen reden: Warum genau wird ab Mitte Juni kollektiv ein Gebot missachtet, das zum Einmaleins eines guten gesellschaftlichen Miteinanders gehört? Genau wie auf dem Fußballplatz gibt es von mir für das Ausziehen des T-Shirts die Gelbe Karte.
Seit 2004 wird das Blankziehen auf dem Platz mit einer Gelben Karte quittiert. Christiano Ronaldo findet trotzdem Wege, sein Sixpack mit der Welt zu teilen.
© ULMER
Dabei ist mir übrigens völlig egal, ob mir ein gestähltes Sixpack oder ein Bierbauch unter die Nase gerieben wird – die nackte Wahrheit ist im Alltag einfach eine Spur zu viel Wahrheit. Das hat im Übrigen auch nichts mit Verklemmtheit zu tun. Im Freibad, am See und in der Sauna kann meinetwegen blankgezogen werden, so viel man(n) will. Aber es ist alles eine Frage des Kontexts.
Wenn ich mich auf dem Heimweg in der U-Bahn urplötzlich mit einem halbnackten Körper konfrontiert sehe, überschreitet das eine Grenze der guten Manieren. Wird das T-Shirt in die Tasche gepackt oder gar ganz zu Hause gelassen, ist das ein Eingriff in die Komfortzone der Mitmenschen, die ungefragt mit diesem intimen Anblick konfrontiert werden - von vollgeschwitzten S-Bahnrückenlehnen ganz zu schweigen.
Dabei ist das Ganze nicht nur eine Frage des guten Geschmacks, sondern auch ein physikalischer Irrglaube. Kühler wird es ohne Shirt nämlich auch nicht. Weite, leichte Stoffe halten die direkte Sonne ab und können durch die Luftzirkulation sogar kühlend wirken. Nackte Haut nimmt die Hitze erst recht auf. Die Natur und der Fortschritt haben uns Leinenhemden geschenkt – nutzt sie!
Wir wollen schließlich alle einen schönen Sommer haben. Daher lasst uns den urbanen Raum teilen, ganz ohne nackte Tatsachen. Oberkörperbekleidung ist kein Gefängnis, sondern die letzte Linie zwischen Zivilisation und Freibad-Anarchie.
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