Film »Vivaldi und ich« | Der Klang der Freiheit
An Waisenkindern gibt es keinen Mangel in Venedig? Das war einmal, als Venedig noch eine pulsierende Stadt war, überfüllt mit Einwohnern, von denen die einen sehr reich und die anderen sehr arm waren. Also vor etwa 300 Jahren, als auch Vivaldi nach Venedig kam, wo er Priester am Ospedale della Pietá wurde, einem Waisenhaus für Mädchen. Er hält dort Gottesdienst und leitet das Orchester der Waisenmädchen. Das Priesteramt, das sich schnell als Irrtum erweist, kann er – gesundheitliche Gründe vorschiebend – bald aufgeben, das Orchester aber leitet er weiterhin, weil er damit die Chance hat, eigene Werke öffentlich aufzuführen.
Die reichen Venezianer, Sponsoren des Waisenhauses, lieben seine Musik, aber sollen sie ihn dafür auch noch bezahlen? Vivaldi ist nicht der erste und nicht der letzte Künstler von Weltgeltung, der erfährt, was prekäre Arbeitsbedingungen sind. Arm blieb er bis zu seinem Tod – obwohl die »Vier Jahreszeiten« schon damals ein Hit auf allen Konzertbühnen waren.
Aber Damiano Michieletto will keinen reinen Vivaldi-Film drehen. Der Musiker ist hier nur der Gegenspieler, kein allzu mutiger allerdings. Vor allem geht es um das Mädchenorchester des Ospedale della Pietá. Denn die talentiertesten Waisenmädchen wurden zu Musikerinnen ausgebildet und agierten auf hohem Niveau. Aber sie bleiben eingesperrt und müssen maskiert oder hinter Vorhängen versteckt singen und ihre Instrumente spielen. Zudem fungiert das Mädchenorchester auch als Heiratsbörse. Ältere venezianische Männer suchen sich hier junge Frauen zum Heiraten aus – und zahlen dafür. Das ist ein Geschäftsmodell, denn in Venedig geht es immer zuerst ums Geld. Nur bei Vivaldi nicht, das macht ihn auch Cecilia, einer der jungen Geigerinnen, so sympathisch. Und er ist froh, hier ein so motiviertes Orchester zu haben, der Rest ist ihm nicht wichtig.
Die Lagunenstadt, eingesperrte Mädchen, deren Sehnsüchte einen musikalischen Ausdruck suchen – all das prägt »Vivaldi und ich«. Es ist nicht der erste Film über die verborgenen Mädchenorchester in Venedig im 18. Jahrhundert. Vor zwei Jahren lief »Gloria!« von Margherita Vicario im Wettbewerb der Berlinale. Hier probten die eingesperrten Mädchen nicht bloß den musikalischen, sondern auch den realen Aufstand, das war dann filmisch recht avantgardistisch.
Ernst und entschlossen arbeitet Cecilia daran, nicht zur Ware auf einem schmutzigen Heiratsmarkt zu verkommen, sondern – wie auch Vivaldi – ganz für die Musik zu leben.
So weit geht »Vivaldi und ich« nicht, verbleibt im Gestus elegisch schwelgender Bilder von Venedigs Kanälen und ikonisch anmutender Nahaufnahmen im Halbdunkel. Aber dahinter rumoren lauter zurückgestaute Energien, die ein Ventil suchen. Während »Gloria!« in einen Pop-Song-Ausbruch mündet, vermeidet es »Vivaldi und ich« sogar, den »Vier-Jahreszeiten«-Effekt auszuschlachten. Vivaldi komponierte das Werk 1725 in Venedig.
Diese Zurückhaltung ist durchaus sympathisch, sie lässt Raum für ein Porträt von Cecilia, die damit zur eigentlichen Hauptfigur des Films wird. Vivaldi hat die Musikerinnen hinter dem Vorhang hervorgezogen, doch müssen sie weiterhin Masken tragen. Einmal aber, bei einem Konzert für einen inkognito reisenden europäischen Monarchen, verlangt dieser das Gesicht jener Geigerin zu sehen, deren Spiel ihn so beeindruckte. Ein Tabubruch mit Folgen. Denn nun kennt ganz Venedig jene Cecilia, die Vivaldi zu seiner ersten Musikerin machte.
Tecla Insolia ist eine junge italienische Pop-Sängerin und Schauspielerin. Ihre Cecilia lebt vom Widerspruch zwischen Bedrückung und Berufung und ist von einer eindrucksvollen Präsenz. Ernst und entschlossen arbeitet Cecilia daran, nicht zur Ware auf einem schmutzigen Heiratsmarkt zu verkommen, sondern – wie auch Vivaldi – ganz für die Musik zu leben. Graf Sanfermo (Stefano Accorsi) aber hat bereits für sie bezahlt. Wenn er aus dem Krieg gegen die Türken zurückkehrt, soll die Hochzeit stattfinden. Dass sie dann nicht mehr musizieren darf, ist für sie unannehmbar. Also lässt sie sich vom Gemüsehändler, der das Heim betreten darf, entjungfern, das macht sie für den Heiratsmarkt wertlos. Doch der zurückkehrende Graf will sich nicht von einem Waisenmädchen vorführen lassen und rächt sich an ihr – ob sie danach jemals wieder Geige spielen kann, ist ungewiss.
Nein, es gibt keinen großen Aufstand im Ospedale della Pietá, aber eine stille Verweigerung, die mit einer starken Verachtungsgeste einhergeht. Cecilia flieht von hier, auch weil Vivaldi sie nicht beschützen kann oder will. Woanders kann es nur besser werden. Und immer noch gilt für sie der Satz, dass das Leben ohne Musik ein Irrtum wäre, auch wenn ihn Nietzsche erst anderthalb Jahrhunderte später sagen wird.
»Vivaldi und ich« gelingt es, unter klugem Einsatz von Vivaldis Musik, die Endzeit des alten Venedig zu zeigen, wo man für Geld fast alles haben konnte – nur eben nicht den Enthusiasmus einer jungen Musikerin, die kein Objekt fremder Interessen werden will. Es wird noch bis 1807 dauern, dass Napoleon, der Venedig eroberte, nicht nur der Dogenherrschaft, sondern auch den billigen Orchestern hinter Gittern (und dem florierenden Mädchenhandel) ein Ende machte.
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