Die Unsichtbaren: Wie Tanzgeschichte in Dresden wieder sichtbar wird

Der Aufbruch in die Tanzmoderne ist ganz entschieden auch Mary Wigmans Verdienst. Sie hat in ihrer Schule aus jungen Tanztalenten Künstlerinnen und Künstler „geformt“ – wobei sie ihnen eigentlich nur die Möglichkeit gegeben hat, das zu entdecken, was an Kreativität und Begeisterung, an Gestaltungswillen und Individualität in ihnen steckt.
Nicht grundlos also ist Mary Wigman, gespielt von Isabella Vértes-Schütter, die Protagonistin des Stückes „Die Unsichtbaren“. John Neumeier hat dieses Werk 2022 für das Bundesjugendballett geschaffen. Jetzt ist es in Dresden zu sehen. Neben ihr treten Palucca, Harald Kreutzberg, Alexander von Swaine, Rudolf von Laban und Jean Weidt auf. Andere werden zitiert oder erwähnt.
Als der Tanz verstummen musste
Bedrängte Körper: In „Die Unsichtbaren“ erinnert John Neumeier an Künstlerinnen und Künstler, die im Nationalsozialismus ausgegrenzt, verfolgt oder zum Schweigen gebracht wurden.
© Kiran West
John Neumeier zeigt in seiner Tanzcollage einerseits den Beginn des Modernen Tanzes, andererseits – und das vor allem –, was daraus nach 1933 wurde. Ungezählte Menschen wurden ausgegrenzt, mussten emigrieren, wurden deportiert oder gar ermordet. Wer nicht mehr auf der Bühne steht, ist für sein Publikum unsichtbar. Daher der Titel „Die Unsichtbaren“.
Neumeier, der noch aus der Zeit, als Christoph Albrecht Intendant der Semperoper war, eine enge Verbindung zu Dresden hat und dessen „Nijinsky“ derzeit mit überwältigendem Erfolg in diesem Haus zu erleben ist, sagt zur Aufführung der „Unsichtbaren“ im Dresdner Schauspielhaus: „Ich finde es wichtig, dass das Stück ,Die Unsichtbaren‘ mit Mary Wigman als Protagonistin nun in Dresden gezeigt wird. Für das Bundesjugendballett und mich ist das ein besonderer Moment. Palucca, mit der ich befreundet war, und ihre Schule kannte ich von Besuchen in Dresden. Hellerau und die Villa Wigman habe ich kürzlich kennengelernt. Ich bin beeindruckt, wie Dresden seine Tanzkünstlerinnen ehrt und wie lebendig die Geschichte des Modernen Tanzes hier ist.“
Im Stück lernen die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Bundesjugendballetts die von ihnen verehrte Ausdruckstänzerin Mary Wigman persönlich kennen. Im Laufe der Handlung stellen sich aber auch Fragen nach Verantwortung oder gar Schuld für das Mittun im Nationalsozialismus. Anhand von Originaldokumenten und Zeitzeugenaussagen, die von weiteren Schauspielern wiedergegeben werden, wird die damalige Bedrohung für alle, die „anders“ waren, deutlich. „Das Stück ist von bestürzender Aktualität. Leider“, ergänzt John Neumeier.
Als musikalische Grundierung des Abends wird von zwei Pianisten auf der Bühne „Le Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky gespielt. Aber auch „L’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy erklingt, ebenso viele andere Kompositionen, die Zeit und Thema charakterisieren. Kritische Stimmen aus den USA zu Rassismus und Krieg sind „Strange Fruit“ von Billie Holiday und „With God on Our Side“ von Bob Dylan. Den Schluss des Abends begleitet dessen Song „The Times They Are A-Changin’“. Und dass das so ist, macht Hoffnung.
Die Zeiten ändern sich
Körper als Erinnerung: In „Die Unsichtbaren“ verbindet John Neumeier Ausdruckstanz, historische Dokumente und die Frage nach Verantwortung in der Kunst.
© Kiran West
Katja Erfurth vom Leitungsteam der Villa Wigman setzt sich in ihren Recherchen auch immer wieder aktiv mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander, hat das Stück bereits gesehen und war begeistert von der Energie der jungen Tänzerinnen und Tänzer.
Sie sagt: „Natürlich wusste ich schon viel über biografische Details Mary Wigmans und kannte zahlreiche Zitate – aber in diesem Kontext zum Beispiel noch einmal zu hören, welchen Schmerz Wigman beim Abschied im Gelben Saal verspürte, als sie die Schule 1942 im Zwiespalt mit dem nationalsozialistischen System verkaufte, das hat mich sehr berührt. Und zugleich der Gedanke: In diesem Saal, der Erfüllung und Trauer und so viele Facetten mehr erlebt hat, dürfen wir jetzt arbeiten. Wie man überhaupt in allen Räumen der Villa Wigman die Schichten der Geschichte nicht nur sieht, sondern auch spürbar erleben kann. Diese Verbindung ist großartig!“
Ihrer Meinung nach zeige dieses Stück vielfältige Perspektiven, Abhängigkeiten und Haltungen von Menschen im Nationalsozialismus. Die Erkenntnis, dass es nicht nur schwarze und weiße Schubladen gebe, mache diesen Abend so wertvoll. „,Die Unsichtbaren‘ sind ein wichtiger Beitrag zur kritischen Betrachtung von Tanzgeschichte. John Neumeiers Arbeit mit den jungen Menschen überträgt die Auseinandersetzung mit Ambivalenzen auf bewegende Weise ins Heute!“
Der Abend lädt dazu ein, sich in der Kunst- und Tanzstadt Dresden neu mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Er zeigt zugleich, dass künstlerisches Arbeiten nie völlig außerhalb seiner Zeit steht – und dass auch Tanzgeschichte politisch gelesen werden kann.
Nach den Vorstellungen in Kassel wurde unter Beteiligung des dortigen Bürgermeisters Sven Schoeller vor dem Staatstheater ein Stolperstein für die jüdische Ballettmeisterin Hilde Brumof verlegt. Sie verließ Kassel und floh über Dänemark nach England, um die Zeit des Nationalsozialismus zu überleben.
Nach der Premiere im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater schrieb der Tanzjournalist Horst Vollmer: „Gemeinsam machen Thema und Umsetzung ,Die Unsichtbaren‘ zu dem herausragenden Ereignis der zu Ende gehenden Tanzspielzeit in Deutschland, mit Gehalt und Bedeutung über beides, Spielzeit und Ort, weit hinaus.“ Und er sollte recht behalten. Nach Stationen in Baden-Baden, Leverkusen, Heilbronn, Kassel, Berlin und Gera kommen „Die Unsichtbaren“ nun – endlich möchte man schreiben – auch nach Dresden.
„Die Unsichtbaren“, 28. und 29. Mai, Gastspiel des Bundesjugendballetts John Neumeier im Staatsschauspiel Dresden, Karten: 30,00 bis 50,00 Euro / ermäßigt ab 15,00 Euro, Telefon: 03 51.49 13-555, www.staatsschauspiel-dresden.de
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