Wer Gehälter in seinem Unternehmen nicht erklären kann, hat ein Führungsproblem
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Deutschland hat die EU-Frist zur Entgelttransparenz gerissen. Patrick Löffler erklärt, warum Unternehmen trotzdem nicht warten sollten.
Wer darauf wartet, dass Brüssel ihm erklärt, wie faire Bezahlung funktioniert, hat die Frage schon falsch verstanden. Das Entgelttransparenzgesetz kommt — verschoben, verwässert, irgendwann. Aber das ändert nichts. Die Aufgabe war vorher dieselbe: Jedes Gehalt im eigenen Laden in zwei Sätzen begründen können. Wer das nicht kann, hat kein Transparenzproblem. Er hat ein Führungsproblem.
Drei Jahre Frist reißt man nicht aus Versehen. Das ist eine Entscheidung, keine Panne. Was es über den politischen Willen sagt, formuliere ich nüchtern: Lohngleichheit ist Konsens auf dem Papier und Prioritätenfrage in der Praxis. Solange Gleichbehandlung als Kostenfaktor verstanden wird und nicht als Standortvorteil, landet sie hinten in der Reihe. Das ist weniger Skandal als Symptom.
Die Sorge vor mehr Bürokratie ist berechtigt. Als Begründung für zwei Jahre Verzug trägt sie trotzdem nicht. Denn die Aufgabe, zu wissen, wer im eigenen Unternehmen warum was verdient, erfindet kein Gesetzgeber. Das ist Hausaufgabe jedes Arbeitgebers. Wer dafür mehr Zeit braucht, sagt im Grunde: Wir haben es bisher nicht gewusst. Das ist das eigentliche Eingeständnis.
Meine These: Kein Unternehmen sollte ein Gesetz brauchen, um faire Gehälter zu zahlen. Wer seine Gehälter nicht erklären kann, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht — Frist hin oder her.
Drei Dinge halten Unternehmen davon ab, es freiwillig zu tun.
- Bequemlichkeit. Intransparenz ist einfacher. Wer nichts offenlegt, muss nichts erklären.
- Angst. Viele ahnen, dass ihre Gehälter historisch gewachsen und nicht systematisch begründet sind. Sie fürchten den Moment, in dem das sichtbar wird.
- Fehlendes Handwerk. Den meisten fehlt schlicht ein sauberes Vergütungssystem. Bezahlt wird nach Verhandlungsgeschick, nach Bauchgefühl, nach „haben wir immer so gemacht”. Keiner dieser Gründe ist edel. Aber alle drei sind menschlich. Deshalb braucht es Führung, die das aushält — kein Gesetz, das es erzwingt.
Du solltest jedem Menschen in deinem Unternehmen in zwei Sätzen sagen können, warum er genau dieses Gehalt bekommt — und warum die Kollegin auf der vergleichbaren Position mehr oder weniger verdient. Wenn die Antwort „das hat sich so ergeben” lautet, hast du keine Vergütungslogik, sondern ein Sammelsurium. Die Hausaufgaben heißen: definierte Rollen, nachvollziehbare Gehaltsbänder, geschlechtsneutrale Kriterien — und der Mut, das auch intern zu kommunizieren. Keine Raketenwissenschaft, sondern Sorgfalt.
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Patrick Löffler ist CEO und Mitgründer von givve, einem Unternehmen, das digitale Benefit & Loyalty-Produkte entwickelt und vertreibt. Als Unternehmer wie auch privat sind ihm eine ausgewogene und regelmäßige Ernährung sowie eine ehrliche und bedürfnisorientierte Kommunikation wichtig. Darüber hinaus findet Löffler, ehem. Mitglied der Snowboard-Nationalmannschaft Ausgleich beim Sport, Yoga und Meditieren.
Zahlen ohne Logik sind Lärm. Wer eine Gehaltsliste veröffentlicht, ohne zu erklären, wie sie zustande kommt, erzeugt Misstrauen, nicht Vertrauen. Echte Transparenz hat drei Schichten: das System, die Begründung, den Dialog. Menschen müssen Fragen stellen dürfen, ohne dass es als Illoyalität gilt. Mein Leitspruch: Clear is kind.
Die Unruhe durch Offenlegung ist nicht die Folge der Transparenz. Sie ist die Folge der Ungerechtigkeit, die vorher schon da war, nur unsichtbar. Transparenz bringt sie ans Licht, sie erschafft sie nicht. Wer ein sauberes System hat, hat von der Offenlegung wenig zu befürchten. Wer keins hat, sollte die Unruhe nicht dem Gesetz anlasten, sondern sich selbst.
An alle Unternehmer: Fang heute an, nicht am Tag, an dem das Gesetz kommt. Setz dich hin und versuche, jedes Gehalt in deinem Laden in zwei Sätzen zu begründen. Dort, wo du ins Stottern gerätst, liegt deine Arbeit. Mach sie, bevor jemand anders dich dazu zwingt.
An Beschäftigte: Fragt und zwar konkret. Nicht „verdiene ich genug?", sondern: „Nach welchen Kriterien wird meine Rolle vergütet, und wo stehe ich in der Spanne?" Eine gute Frage ist kein Angriff. Sie ist ein Zeichen von Selbstrespekt. Und ein gutes Unternehmen hält sie aus.
Das Gesetz kommt. Irgendwann. Aber die Unternehmen, die bis dahin warten, haben die Frage schon falsch verstanden. Fang heute an. Dort, wo du ins Stottern gerätst, liegt deine eigentliche Arbeit.
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