Ein Investor aus der Schweiz will den Batteriehersteller Varta retten. Doch seine Geschäftspraktiken werfen Fragen auf

Varta ist vom Apple-Zulieferer zum Sanierungsfall geworden. Nun will der Unternehmer Pino Sergio dem deutschen Traditionskonzern neues Leben einhauchen. Über seine Firma mit Briefkasten in Schaffhausen redet er aber ungern.

Illustration Hans-Jörg Walter / NZZaS
Ein unscheinbares Bürogebäude in einem Wohnquartier in Schaffhausen, wenige hundert Meter von der Stadtfestung Munot entfernt. Auf dem Briefkasten eines Treuhandbüros stehen 30 Firmennamen, darunter die Allswiss AG. Das Finanz- und Investmentunternehmen hat hier seinen offiziellen Sitz. Mitarbeitende sind jedoch keine vor Ort. Anwesend ist lediglich ein Angestellter des Treuhandbüros. Dieser gibt sich wortkarg und betont mehrfach, er könne zu Allswiss nichts sagen. Das sei nicht sein Mandat.
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Der wenig repräsentative Firmensitz der Allswiss AG steht im Kontrast zu den Plänen des Inhabers: Der Unternehmer Pino Sergio will den angeschlagenen Batteriehersteller Varta retten, wie die «Frankfurter Allgemeine» und die «Wirtschaftswoche» diese Woche berichteten.
Der deutsche Traditionskonzern steht vor dem Aus. Hauptgrund ist der Verlust von Apple als wichtigstem Kunden. Der Konzern aus Kalifornien liess jahrelang die Batterien für seine kabellosen Kopfhörer – die Airpods – von Varta produzieren, setzt nun aber auf günstigere Anbieter in Asien. Varta stellt deshalb die Knopfzellenproduktion in Deutschland ein; Hunderte Stellen gehen verloren.
Zugleich lasten Schulden in dreistelliger Millionenhöhe auf dem Unternehmen. Sie wurden für den Ausbau der Produktion aufgenommen und sind nach dem Wegfall von Apple nicht mehr tragbar. Dem Konzern mit mehr als 4000 Mitarbeitenden droht die Zerschlagung. Für die Gläubiger könnte es lukrativer sein, profitable Sparten zu verkaufen und den Rest aufzugeben, als weiteres Kapital in einen Turnaround zu investieren.
Diese Woche keimte dennoch Hoffnung auf. Pino Sergio hat öffentlich erklärt, mit seiner Allswiss AG – und unbekannten Investoren im Hintergrund – die Schulden von Varta in Höhe von 300 Millionen Euro übernehmen zu wollen. Dies soll dem Unternehmen einen Neustart ermöglichen: mit neuer Technologie, neuen Fabriken und 2000 zusätzlichen Arbeitsplätzen.

Varta soll in die Massenproduktion von Natrium-Ionen-Batterien einsteigen und so gegenüber China konkurrenzfähig werden. «Wir haben das Ziel, den Fortbestand des Unternehmens und die Weiterentwicklung der Natrium-Ionen-Technologie an einem europäischen Standort zu ermöglichen», sagt Sergio gegenüber der «NZZ am Sonntag».
In Deutschland kein UnbekannterSergio ist in Deutschland kein Unbekannter. 2012 geriet der ausgebildete Immobilienkaufmann mit italienischer Staatsbürgerschaft negativ in die Schlagzeilen: Die von ihm gegründete WGF AG (Westfälische Grundbesitz und Finanzverwaltung) ging in Konkurs. Die Immobilienanleihen, in die Tausende Anleger investiert hatten, wurden wertlos.
Nun positioniert sich Sergio als Retter von Varta und als Verfechter industrieller Unabhängigkeit Europas. Die Ausgangslage ist jedoch vertrackt. Varta gehört je zur Hälfte dem Autobauer Porsche und dem österreichischen Unternehmer Michael Tojner. Aufgrund der hohen Verschuldung liegt die Kontrolle jedoch faktisch bei einer Gläubigergruppe um die Deutsche Bank und den britischen Finanzinvestor Blantyre Capital Limited.
An diese wandte sich Sergio mit dem Angebot, die Schulden zu übernehmen. Zugleich betont er, kein Interesse an einer operativen Übernahme des Unternehmens zu haben.
Gläubiger reagieren zurückhaltendSergio befürchtet, die Gläubiger wollten Varta zerschlagen und profitable Bereiche – insbesondere die Konsumsparte mit den Haushaltsbatterien – veräussern. Die Ad-hoc-Gläubigergruppe (AHG) weist dies zurück. «Die AHG unterstützt auch weiterhin konstruktive Bemühungen, um ein realistisches und nachhaltiges Ergebnis für das Unternehmen zu erzielen, das die Fortsetzung des Betriebs gewährleistet und eine faire Behandlung aller Beteiligten sicherstellt», schreibt ein Sprecher.
Zum Angebot von Allswiss äussert sich die Gruppe wenig euphorisch: «Die Ad-hoc-Gläubigergruppe hat eine Interessensbekundung zum Erwerb sämtlicher finanzieller Forderungen und Sicherungsrechte gegenüber der Varta-Gruppe erhalten, die allen Gläubigern zur Verfügung gestellt wurde.»
Über die Gründe für diese Zurückhaltung gehen die Einschätzungen auseinander. Aus dem Umfeld der Gläubiger heisst es, es gebe Zweifel an der Seriosität des Angebots und daran, ob Sergio und seine Allswiss AG tatsächlich über die nötigen Mittel verfügten. Bisher liege lediglich eine Interessensbekundung vor, ohne Finanzierungsnachweis. Unter diesen Umständen könne man keine detaillierte Einsicht in die Bücher von Varta gewähren.
Sergio widerspricht. Die Finanzkraft seiner Investoren sei durch Bestätigungen belegt. «Eine Investitionsentscheidung kann naturgemäss jedoch erst nach einer umfassenden Prüfung der Sicherheiten sowie der noch offenzulegenden Unterlagen getroffen werden», sagt er. Das Angebot habe derzeit «indikativen Charakter». Sofern der Prozess positiv verlaufe und die Due Diligence zu einem für seine Investoren zufriedenstellenden Ergebnis führe, würden verbindliche Zusagen folgen. Wer die Investoren im Hintergrund sind, die er vertritt, will Sergio nicht offenlegen.
Diskrepanz zwischen Schein und WirklichkeitDie Skepsis der Gläubiger hängt auch mit Sergios bisherigem Schwerpunkt im Immobiliengeschäft zusammen – und mit dem Scheitern der WGF AG. Doch auch die Allswiss AG wirft Fragen auf. Der Internetauftritt der Firma vermittelt globale Präsenz: ein Globus, ausgehend von der Schweiz, und Hinweise auf Investitionen von 4 Milliarden Franken in über 350 Projekte. Allein 2025 seien Vorhaben im Umfang von mehr als 700 Millionen Franken realisiert worden.
Diese Angaben lassen sich aber nicht überprüfen. Details zu den einzelnen Investitionen fehlen. Sergio erklärt dazu, die Referenzen seien «bewusst abstrakt» gehalten, entsprechend den Wünschen seiner Partner.
Der Firmensitz in Schaffhausen passt nicht zur Selbstdarstellung im Internet. Sergio erklärt dazu am Telefon, Schaffhausen sei lediglich der fiskalische Sitz. Die operativen Büros befänden sich auf Mallorca, in Düsseldorf und Zürich. In Zürich sei man «in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs» bei einem Bürodienstleister eingemietet – eine Adresse will er aber auch auf mehrfache Nachfrage nicht nennen. Die Adresse in Düsseldorf, Anschrift der Allswiss (Germany) GmbH, führt ebenfalls zu einem Treuhandbüro. Dieses bietet für 49 Euro 90 monatlich eine «repräsentative Anschrift in bester Düsseldorfer Lage».
Verwaltungsräte, die keine sindCapitalM, Real Dreams Estate, Geniusworld – die heutige Allswiss AG hat seit 2012 mehrfach Namen, Zweck und Domizil gewechselt. Für andere Firmen von Sergio gilt dasselbe. Inzwischen ist Sergio gemäss Handelsregister in den meisten Gesellschaften alleiniger Verwaltungsrat und einziges Geschäftsleitungsmitglied.
Auf der Website werden neben dem «Chairman» Sergio jedoch weitere Führungspersonen genannt, unter ihnen CEO, Chief Investment Officer und ein Leiter Legal, Risk & Compliance. Zudem wurden bis vor kurzem vier Mitglieder eines «Board of Directors» – zu Deutsch: Verwaltungsrat – aufgeführt; nach entsprechenden Fragen der «NZZ am Sonntag» wurde die Bezeichnung diese Woche in «Advisory Board» geändert.
Unklar ist auch die Zahl der Beschäftigten. Sergio spricht von «rund 25 operativ tätigen Mitarbeitenden», vor allem in Düsseldorf und Spanien. «Wir führen diese aber bewusst nicht öffentlich auf, nachdem uns in der Vergangenheit wiederholt Personal abgeworben worden ist.»
Generell reagiert Sergio gereizt auf Fragen zur Struktur und Grösse seiner Firmen. Es erschliesse sich ihm nicht, weshalb Mitarbeiterzahl oder Sitz für die Beurteilung der Ernsthaftigkeit seines Angebots relevant seien. Daraus liessen sich keine Rückschlüsse auf die Finanzkraft von ihm und seinen Investoren ziehen.
Eine Technologie mit grossem PotenzialUnbestritten ist das Potenzial der Natrium-Ionen-Technologie. Sie gilt als ökologisch vorteilhaft und könnte strategische Abhängigkeiten reduzieren, da sie auf weltweit verfügbare Rohstoffe wie Natrium setzt statt auf Lithium. Ebenso klar ist aber: Die Rettung von Varta und der Aufbau einer industriellen Massenproduktion erfordern erhebliche Mittel.
Der Schritt zur Grossproduktion ist besonders anspruchsvoll. «Der Aufbau einer Grossproduktion erfordert ein immenses Investitionsvolumen und ein enormes Mass an Expertise», sagt Ingo Krossing, Professor an der Universität Freiburg. Europäische Anlagenbauer stünden bereit, doch viele Marktteilnehmer agierten vorsichtig: «Im Moment haben viele Akteure im Markt schlicht kalte Füsse, wenn es um den finalen, kapitalintensiven Schritt der Skalierung geht.»
Auch Simon Schnurrer, Partner bei Oliver Wyman, sieht hohe Hürden. «Ein Investor benötigt beträchtliches Kapital und eine grosse finanzielle Ausdauer», sagt er. Entscheidend sei zudem der Marktzugang: «Das Projekt steht und fällt mit der Zusage von Schlüsselkunden, denn es ist extrem teuer, eine Batteriefabrik zu bauen.» Ein potenzieller Retter benötige deshalb hervorragende Beziehungen in der Energiebranche, um diese zu finden.
Sergio räumt ein, dass ihm dieses Netzwerk fehle. Er betont jedoch, dass die industrielle Verantwortung und Umsetzung beim bestehenden Management bleiben solle sowie bei den Mitarbeitenden und Technologiepartnern. «Nach unserer Kenntnis aus dem Management der Gesellschaft bestehen zahlreiche Gespräche mit potenziellen Abnehmern der Technologie, auch auf staatlicher und energiepolitischer Ebene in Deutschland, sowie mit namhaften internationalen Unternehmen, die uns gegenüber benannt wurden.»
Der Unternehmer sagt, eine detaillierte Planung von Investitionen und Zeitrahmen sei derzeit nicht möglich, da der Zugang zu den Unternehmensunterlagen fehle. Er pocht auf Transparenz. Ein verständlicher Anspruch – auch wenn Sergio ihn in seinen eigenen Firmen nicht einlöst.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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