Laura Freigang: Nach dem Blitzlicht das Gewitter

Als sich die DFB-Frauen am vergangenen Freitag mit einem 2:0-Sieg gegen Norwegen ihr WM-Ticket sicherten, saß Laura Freigang nur auf der Tribüne. Grund dafür war keine Verletzung. Freigang wäre sehr wohl einsatzfähig gewesen. Sie wurde bloß nicht nominiert.
Dabei gehört Laura Freigang eigentlich zu den schillerndsten Lichtern des deutschen Frauenfußballs. Als jahrelange Führungsspielerin bei Eintracht Frankfurt ist sie nicht nur zur Kapitänin gereift, sondern hat sich auch in der Nationalmannschaft einen Namen gemacht. Mit 217.000 Followern bei Instagram zählt sie zu den präsentesten und beliebtesten Spielerinnen der DFB-Frauen. Sie gilt als besonders nahbar, ist sich für kein Autogramm zu schade. Ihre Beliebtheit hat ihr bereits mehrere Werbedeals beschert. Doch der Anfang der Sommerpause hatte es für Freigang in sich: Erst wurde sie nicht für die letzten beiden WM-Qualifikationsspiele nominiert, nun droht ihr auch noch eine Dopingsperre von bis zu zwei Jahren. Der Shootingstar scheint seinen Glanz zu verlieren.
„Dopingsünderin Laura Freigang“: Das hört sich irgendwie falsch an. Ist es faktisch auch. Denn von den geforderten Tests, die Freigang abgegeben hatte, sind alle negativ. Problem nur: Nicht jeder geforderte Test wurde auch durchgeführt. Und genau hier wird es brenzlig.
Seit Samstag überschattet ein Statement ihr gepflegtes Instagram-Profil, das die begeisterte Fotografin gern mit eigens geschossenen Bildern schmückt. Dort teilt Freigang unter anderem mit: „Bei den verpassten Kontrollen handelt es sich nicht um bewusst vermiedene Kontrolltermine, sondern um Unstimmigkeiten bzw. Missverständnisse in den täglich zu aktualisierenden und umfassenden Angaben, die wir als Nationalspielerinnen tages- und stundenaktuell im System zu aktualisieren haben.“ Leistungssportlerinnen, die dem Registered Testing Pool (RTP) angehören, müssen alle drei Monate ihre Aufenthalte und Erreichbarkeiten angeben sowie zusätzlich täglich ein einstündiges Zeitfenster für mögliche Dopingkontrollen in einer App notieren.
Die 44-malige Nationalspielerin betonte in ihrem Statement, dass in dem Verfahren kein Dopingverdacht bestehe. Kommt es jedoch zu einem „Kontrollversäumnis“, zieht das einen sogenannten Strike der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) nach sich. Binnen eines Jahres war Freigang wohl mehrere Male nicht anzutreffen. Dreimal, wie nun feststeht. Denn wie die NADA am Freitag während des Länderspiels der Frauen gegen die Norwegerinnen mitteilte, sei nun auch der kritische dritte Fall überprüft und als Strike gewertet worden. Ein Disziplinarverfahren ist für diese Art von Fällen vorgesehen, für das der DFB über mögliche Sanktionen entscheidet – mit drei Strikes droht Freigang eine Sperre von bis zu zwei Jahren.
Die Dokumentationen für die Dopingverfahren klingen aufwendig, vermutlich sind sie es auch. Freigang bezeichnet ihre Versäumnisse als „Missverständnis“. Doch lassen sich gleich drei solcher Missverständnisse allein durch Zerstreuung erklären? Oder wäre in Kenntnis des Strafmaßes womöglich mehr Verantwortung angezeigt gewesen, um sich zumindest nicht den Vorwurf der Fahrlässigkeit gefallen lassen zu müssen?
Adlerträgerin auf AbrufEintracht Frankfurt und der DFB hielten sich in der Angelegenheit zunächst bedeckt. Der Verband bestätigte lediglich den Eingang der Mitteilung der NADA. Mit der Nichtberücksichtigung für den Kader dürfte das Verfahren allerdings nicht in Zusammenhang stehen. Für die Quali-Spiele zur WM 2027 steht Freigang nur auf Abruf bereit. Das erste Spiel gegen Norwegen verfolgte sie als Zuschauerin im Kölner Rheinenergiestadion. Und das, obwohl Stammkräfte wie Giulia Gwinn und Lena Oberdorf verletzungsbedingt nicht zur Verfügung standen. Auf einer Pressekonferenz sagte Christian Wück über die Nicht-Nominierung von Freigang auf Nachfrage: „Wir können sie im Moment nicht so einsetzen, dass sie uns auf dem Platz hilft.“ Mit anderen Worten: Der Nationaltrainer hat keine Verwendung für die Eintracht-Kapitänin.
Schon in der Vergangenheit hatte Freigang so ihre Probleme mit der Nationalmannschaft. Bei ihren ersten drei großen Turnieren mit dem DFB-Team (EM 2022, WM 2023 und Olympia 2024) nahm sie eher die Rolle der Reservistin ein. Wie der SPIEGEL berichtete, sollen Freigang und die damalige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg kein Wort miteinander gesprochen haben. Obwohl sie unter den beiden folgenden Trainern Horst Hrubesch und Wück, unter anderem bei der EM 2025 zu mehr Einsätzen kam, blieb der richtige Durchbruch in der Nationalmannschaft aus.
Die Konkurrenz wird größerAuch wenn die aktuelle Entscheidung gegen Freigang laut Wück eine „schwierige“ gewesen sei, habe die Mittelfeldspielerin seit der EM ohnehin nur noch „wenig Spielzeit bei uns bekommen“. Über die nötige Erfahrung würde Freigang zwar verfügen, doch dieser Faktor allein, so scheint es, reicht nicht mehr.
Zwar ist mit der 31-Jährigen Linda Dallmann eine erfahrene Spielerin auf der Zehner-Position im DFB-Aufgebot vertreten, doch die beiden fünf Jahre jüngeren Spielerinnen Jule Brand und Larissa Mühlhaus scheinen Freigang den Rang abzulaufen. So klingt es zumindest, wenn Nationalmannschaftstrainer Wück erklärt, er würde andere Spielerinnen auf ihrer Position vor ihr sehen. Dass Mühlhaus ab der kommenden Saison ebenfalls für die Eintracht spielt, macht die Ausgangslage für Freigang auch auf Vereinsebene nicht unbedingt besser.
Verliert Freigang den Anschluss?Allerdings ist es bei Weitem nicht so, dass sie es als eines der Gesichter des nicht versuchen würde. Ganz im Gegenteil: Auch wenn für Freigang die Saison schleppend begann, legte sie gerade zum Ende ihren Arbeitsnachweis als Führungsspielerin vor. In den letzten sieben Spielen der Frauen-Bundesliga verbuchte sie acht Treffer. Doch wenn sich Positionskonkurrentin Mühlhaus zur Torschützenkönigin krönt, reichen diese Bemühungen vielleicht mehr aus.
Freigang droht, allmählich den Anschluss zu verlieren. Bis zur WM 2027 in Brasilien ist zwar noch etwas Zeit, aber die Nicht-Nominierung und das Vorziehen ihrer neuen Teamkollegin Larissa Mühlhaus sind ein erstes Statement. Sollte es zu einer Sperre kommen, würde sie das erneut nach hinten werfen – in Mannschaften, in denen es von leistungsstarken Konkurrentinnen nur so wimmelt. Je nach Ausgang und Härte des Disziplinarverfahrens hätte sich eine Weltmeisterschaft im nächsten Jahr vermutlich ohnehin erledigt.
Freigang, die ihre Teilnahme an der WM 2023 analog mit der Kamera festhielt, nannte ihr erstes Fotobuch „Kein Licht ohne Schatten“. Aus dem Schatten ist sie herausgetreten, das Blitzlicht hatte sie bereits. Doch nun scheint ein Gewitter aufzuziehen.
11freunde



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