Kolumne „Hin und weg“: Es geht um die Wurst

Pommes frites gehören zur Currywurst wie die Waffel zum Eis, die Rutsche zum Freibad oder Julian Nagelsmann zu Deniz Undav. Das eine ergibt ohne das andere keinen Sinn – was die wenigsten bestreiten werden.
Es gibt daneben aber auch Lebenslagen, da hängt es ganz entscheidend von der eigenen Perspektive ab, ob man etwas als sinnvoll erachtet oder gerade nicht. Am deutlichsten tritt das bei der Bahn zutage. Was sie im Management des Unternehmens für klug oder wenigstens notwendig halten, erscheint dem Fahrgast oft schwer nachvollziehbar bis vollkommen irrsinnig.
Züge überhaupt fahren zu lassen, sie, so das der Fall ist, rechtzeitig bereitzustellen, auch mit allen Waggons, für die die Passagiere Platzreservierungen gekauft haben, und diese Waggons obendrein in jene Reihenfolge zu koppeln, die am Bahnsteig oder in der App angezeigt wird: Bahnreisende finden so etwas hilfreich und richtig, weil sie dann wie geplant ihr Ziel erreichen und stressfrei reisen können. Zumal dann, wenn außerdem die Klimaanlage, das Wlan und die Toiletten funktionieren und es im Bordbistro das zu kaufen gibt, was die Speisekarten verheißen.
Reisende sollen bitteschön nicht kleinkariert sein: Eine Kartoffel bleibt eine Kartoffel, egal, wie man sie zubereitetDie Bahn indessen hat Gründe, die es aus ihrer Sicht vorteilhaft erscheinen lassen, einzelne Waggons oder auch ganze Züge nicht auf die Reise zu schicken, auf die Funktionstüchtigkeit der Klimaanlage keinen besonderen Wert zu legen und das Speisenangebot im Bordbistro einzuschränken.
Allerdings, das muss man der Bahn zugutehalten: Die Bemühungen der nun auch nicht mehr ganz neuen Bahn-Chefin um mehr Verlässlichkeit zeigen erste Wirkung. War es bislang vom Zufall abhängig, ob es in einem bestimmten Zug etwas zu essen gab oder nicht, hält nun eine Systematik Einzug. Bedeutet: Es geht jetzt ans Eingemachte. Beziehungsweise genauer: ans Tiefgefrorene.

Wer das Oktoberfest für einen Ort des Wuchers hält, sollte mal an einer Autobahnraststätte in Österreich einkehren.
Bis Ende des Jahres möchte die Bahn alle Tiefkühlgeräte aus ihren Zügen werfen. Und mit ihnen die Pommes frites. Die Bild-Zeitung titelt zutreffend drastisch „Pommes-Schock bei der Bahn“ und erkennt natürlich das Beziehungsdrama, das diese Entscheidung zur Folge hat: „Currywurst verliert Lieblingsbeilage“.
In Zukunft wird es Kartoffelecken zur Currywurst geben. Kartoffelecken!
Ob die Tiefkühlgeräte kaputt oder ausgebaut sind, spielt aus Sicht der Bahn keine Rolle. Pommes gibt es so oder so keineAn der Currywurst wäre beinahe einmal eine der Ehen eines vormaligen Bundeskanzlers gescheitert. Und als VW vor drei Jahren die Currywurst aus der Betriebskantine verbannte, meuterte die Belegschaft. Bis sie die Currywurst zurückbekam. Ganz allgemein steigt die Nachfrage nach Currywurst zuletzt wieder.
Die Bahn aber, in konsequenter Unkenntnis der Kundenbedürfnisse, erklärt die originale Currywurst für obsolet. Pommes oder Kartoffelecken, wo soll da ein großer Unterschied sein, so scheinen sie sich das zu denken. Was kommt als Nächstes: Blaukraut zum Schweinebraten, Saftschorlen mit stillem Wasser und Bockwurst mit Mayonnaise?
Die Bahn erhofft sich vom Ausbau der Tiefkühlgeräte, dass die Gastronomie an Bord „zuverlässiger und weniger komplex“ werde. Was am Betrieb eines Gefrierschranks technisch komplex sein soll, ist zwar nicht ganz ersichtlich. Aber in der Bahn-Logik gedacht: Jedes Gerät weniger an Bord ist eines weniger, das ausfällt. Insofern gibt es dann zwar bald auch kein Speiseeis mehr und keine Eiswürfel in den Getränken. Aber, das verspricht die Bahn: Die Zimtschnecke ist sicher!

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