Sommer-Trendschuh: Wie läuft es sich auf Flipflop mit Absatz durch Berlin?

Wieder einmal haben die Modegötter uns einen Schuh beschert, der zumindest fragwürdiger Natur ist. Ein Hybrid aus Flipflop und Kitten Heel. Pünktlich zum Sommer 2026 steht der Trendschuh der Saison fest: ein Zehentrenner mit Absatz.
Kleine Erinnerungsauffrischung gefällig? Zehentrenner sind jene Sandalen, bei denen ein Steg zwischen dem großen Zeh und der Zweitzehe verläuft. Seine Genese: Japanische Badesandalen, Flipflops, Badelatschen – das Schuhwerk der Entspannung. Der Absatz hingegen ist das Instrument der besonders aufrechten Haltung, der Eleganz, der bewussten Entscheidung, heute Leid im Namen der Ästhetik zu ertragen. Beide Prinzipien zusammen ergeben den Sommerschuh des Jahres.
Auch das Modell Vittoria von Gucci (820 Euro) bedient den Tend des Sommers.
© Gucci
Das Modell Daphne von Aeyde, einem Berliner Label mit sauberem Ruf in Sachen Qualität und Optik, ist das aktuell zirkulierende Beweisstück Nr. 1 für diesen Trend. Ein Steg zwischen den Zehen, zwei Lederriemen aus Nappaleder, ein geschwungener konischer Absatz mit 6,5 Zentimeter Höhe. Erhältlich in Schwarz, Dunkelbraun, Hellbraun und Weiß. Für 395 Euro kein Schnäppchen.
Ich habe ihn einen ganzen Bürotag lang getestetDas Erstaunliche zuerst: Er ist bequem. Überraschend bequem, fast verdächtig bequem für ein Objekt, das optisch so viel Erklärungsbedarf hat. Das liegt vor allem daran, dass die Riemen aus hochwertigem Nappaleder gearbeitet sind. Es gibt nach und scheuert nicht, wie es das Gummi bei Flipflops üblicherweise tut.
Bei dem Berliner Label Aeyde gibt es weitere Modelle des Flipflops mit Absatz. Das Modell Wilma in Schlangenoptik kostet 345 Euro.
© aeyde
Der Absatz ist nach unten leicht kegelförmig ausgestellt – ein Detail, das sich im Stadtleben als ausgesprochen praktisch erweist. Wer schon einmal mit einem Pfennigabsatz in einer Trambahnschiene stecken geblieben ist, kurz bevor die Tram einen zu überrollen drohte, und kurz dachte „Das war's jetzt“, weiß, wovon ich rede.
Der Daphne-Absatz bleibt nicht im urbanen Regengitter hängen, dafür ist er zu breit. Er ist außerdem breit genug für echte Stabilität – kein Wanken, kein Umknicken, selbst Rasenflächen kann man mit ihm beinahe elegant überqueren. Der von der Sonne aufgeweichte Teer, Berlins verlässlichstes Sommerproblem, konnte ihn ebenfalls nicht bezwingen. Kurzum: Für einen Schuh, der aussieht wie ein Provisorium, verhält er sich ausgesprochen vernünftig.
Ugly? Nur beim Sound.Das Manko ist akustischer Natur. Zehentrenner klingen, wenn man nicht aufpasst, wie Zehentrenner. Klipp. Klapp. Klipp. Klapp. Der Absatz verstärkt das, insbesondere auf Treppen. Selbst auf Teppich, im Großraumbüro, erzeugt man damit einen Auftritt, den man vielleicht nicht beabsichtigt – irgendwo zwischen Tap-Dance-Vorstellung und Storchenparade. Wer das liebt: wunderbar. Wer lieber lautlos durch die Gegend gleitet, muss sich stark konzentrieren und die Füße verkrampfen, damit die minimalistischen Treter nicht wie Saugglocken umherschlappen.
Am Abend dann die Bestandsaufnahme. Die vermuteten Problemstellen – zwischen den Zehen, wo der Steg sitzt, und an den Riemenauflagepunkten – blieben blasenfrei. Mein größter Verbesserungsvorschlag für das Modell Daphne: Etwas mehr Polsterung am Fußballen, also dort, wo die G-Kräfte am stärksten einwirken, hätte nicht geschadet.
Vagabond liefert mit Evie eine gute Zwischenlösung: Zehentrenner, aber ein Riemen mehr, und Blockabsatz für 110 Euro.
© Vagabond
Das eigentliche Problem aber ist nicht der Schuh, es ist die Stadt. Wer Zehentrenner trägt, nimmt ganz schön viel Berlin mit – vielleicht mehr, als ihm oder ihr lieb ist. Nur wenige Millimeter Sohle trennen den Fuß vom Beton – das spürt man, vor allem psychologisch. Man ist sich dieser Tatsache beim Gehen stets bewusst, auf eine Art, die geschlossene Schuhe gnädig verdecken.
Abends, beim Waschen, zeigt sich die Realität des Alltags: Pflasterstaub, U-Bahn-Dreck, die akkumulierte Materie einer Großstadt, die man sonst einfach ignorieren kann. Der Zehentrenner mit Absatz stellt eine Frage, die weniger ästhetisch ist als existenziell: Wie nacktfüßig will man der Stadt begegnen? Diese Frage muss jede potenzielle Sommertrendschuh-Konsumentin für sich beantworten. Ich persönlich tendiere dazu, ihn eher im Urlaub für den Spaziergang an der Marina wieder rauszuholen.
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