Kristalle, Klunker, Cocktailringe: Schmuck zwischen Goldpreis und Trend

Maximalismus ist zurück. Das Interessante daran ist nicht der Trend selbst, sondern sein Timing. Der Goldpreis bewegt sich seit Monaten in Höhen, die selbst die abgebrühtesten Beschaffungsmanager nervös machen dürften.
Was tun Designer, wenn das wichtigste Edelmetall für Schmuck unbezahlbar wird? Sie weichen auf Alternativen aus, und ihre Antwort ist erstaunlich kreativ: Labordiamanten, Silber, Kristalle, Lack, Harz. Alles, was den Preis drückt, ohne dabei die große Geste zu opfern.
Der Ursprung: Woher kommt die große Geste überhaupt?Manhattan, frühe Zwanziger. Im Oktober 1919 hatte der US-Kongress den „Volstead Act“ verabschiedet – Herstellung, Vertrieb, Verkauf und Konsum von Alkohol waren fortan verboten. Allerdings änderte das Gesetz an der Trinklust der Amerikaner wenig. Bald florierten Speakeasies, jene versteckte Bars, in die man nur über persönliche Empfehlung und ein an der richtigen Stelle geflüstertes Passwort gelangte. Mit dem Cocktail kam die Cocktailparty, mit der Cocktailparty kam der Cocktailring - ein großzügig dimensionierter, meist farbiger Stein als unangefochtener Mittelpunkt, typischerweise umrahmt von anderen Steinen.
Ebenfalls neu zu dieser Zeit: Erstmals besuchten auch Frauen Bars. Sie trugen Make-up, kürzeres Haar und skandalös kurze Röcke. Der Cocktailring saß stets an ihrer rechten Hand, am Zeige- oder Mittelfinger, um Verwechslungen mit einem Verlobungsring zu vermeiden. Ganz wichtig nämlich: Diesen Ring kauften Frauen sich selbst. Schmuck verließ in diesem Moment zum esten Mal die Sphäre des Geschenkten, Vererbten, des Notnagels fürs Verlassenwerden – Selbstermächtigung mit funkelnder Strahlkraft also.
Hundert Jahre später gestaltet eine Frau den Schmuck bei Dior: Victoire de Castellane präsentierte kürzlich im Palazzo del Casinò am Lido von Venedig die neue Haute Joiaillerie-Kollektion „Diorissima“, eine Hommage an Venedig und an die Kunst.
Dior Diorissima: Mehr Opulenz geht nicht.
© Dior Diorissima
Die künstlerische Leiterin der Linie zeigte 112 Schmuckstücke, gerahmt von 20 Couture-Looks, die Jonathan Anderson eigens für den Abend entwarf. Skulpturale, kurze Bustier-Kleider aus geraffter Seide bilden die Kulisse für eine an Glyzinien erinnernde Halskette in Violetttönen, gefasst mit 4.100 Diamanten, Rubinen, Saphiren und Spinellen. Haute Couture und Haute Joiaillerie laufen hier zur absoluten Höchstform auf.
Cocktailring: Wer sich dieses Stück selbst schenken kann, ´hat auch keine Angst vor dem Goldpreis.
© Dior
Castellane behandelt klassische Steine – einen knapp sechskarätigen rosa Saphir aus Madagaskar, einen über zehnkarätigen königsblauen aus Myanmar – spielerisch und kontrastiert sie mit Perlmutt und Schmucksteinen. Mithilfe von Lack, inzwischen ihre Signatur, schraubt sie die Farbpalette auf ein Niveau hoch, das die Natur schlicht nicht liefert. Höchste Juwelierskunst mit ganz neuem Anstrich.
Swarovkski strahlt pastellfarben zum kleineren PreisSwarovski übersetzt den farbenfrohen Trend in Schmuck, den sich auch Normalsterbliche leisten können. Global Creative Director Giovanna Engelbert startet mit „Summertime“ in den Sommer, eine Kollektion, die das euphorische Gefühl eines Zuckerschocks einfangen soll. Markenbotschafterin Ariana Grande verkörpert in der Kampagne die „More is more"-Energie der Saison.
Mit bonbonfarbenen Schmuckkreationen wie dem Ring Gema für 250 Euro bringt Swarovski den Sommer an den Finger.
© Swarovski
Die Annahme, Silber sei das brave Sparmodell unter den Edelmetallen, hat sich 2026 erledigt. Im Januar erreichte der Silberpreis mit über 121 Dollar pro Unze ein nominales Allzeithoch, nachdem der Preis bereits 2025 um mehr als 130 Prozent gestiegen war – prozentual deutlich stärker als Gold.
Swarovski setzt in seiner Kollektion auf Pastelltöne. Die Kette Gema kostet 480 Euro.
© Swarovski
Pro Gramm kostet Silber immer noch nur einen Bruchteil dessen, was Gold kostet. Genau hier liegt die Lücke, in die Marken wie Thomas Sabo stoßen. Wer Volumen will, Skulptur, Geste, Statement – und das alles nicht zum Preis eines Kleinwagens – kommt an Sterling Silber nicht vorbei.
Thomas Sabo, traditioneller Sterling-Silber-Spezialist, weicht trotz des Silberpreisanstiegs nicht von seiner Linie ab – und schickt ab Mai 2026 Toni Garrn als neues Gesicht der Elyndra-Kollektion auf weltweite Kampagnen-Reise.
Toni Garrn für Thomas Sabo macht's vor: Schmuck darf – nein, muss – jetzt funkeln.
© Thomas Sabo
Getrieben wird die Preisrallye übrigens nicht primär von Schmuckdesignerinnen, sondern von Solarpanels, E-Autos und KI-Rechenzentren: Rund 60 Prozent der globalen Silbernachfrage gehen inzwischen in industrielle Anwendungen, und der Markt verharrt das sechste Jahr in Folge im Defizit.
Der Elyndra von Thomas Sabo aus Sterlingsilber kostet 149 Euro.
© Thomas Sabo
Vielleicht ist das die schönste Botschaft dieser Saison: Maximalismus ist keine Frage des Kontostands. Wer sich eine Castellane-Glyzinie an den Hals hängen lassen kann, tut das mit Diamanten, Rubinen und einem Burma-Saphir. Wer Swarovski liebt, trägt eine Erdbeere aus Präzisionsschliff-Kristallen in Harz. Wer bei Thomas Sabo zugreift, kombiniert Achat mit Aventurin auf Sterling Silber. Drei Sprachen, dieselbe Grammatik.
Und sie alle erzählen, was die Flapper vor hundert Jahren in den Speakeasies von Manhattan begonnen haben: Wer darauf wartet, etwas geschenkt zu bekommen, kann lange warten. Gönnen Sie sich etwas. Tragen Sie die Brosche auf dem Rücken, die Ohrringe am Revers und den Cocktailring am Mittelfinger. Die Saison hat nur eine einzige Regel — und die lautet: mehr ist mehr.
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