Health-Tracking: Warum mehr Daten nicht automatisch mehr Gesundheit bedeuten – laut Expertinnen

Psychologisch sprechen Wearables zwei Bedürfnisse an: Selbsterkenntnis und Optimierung. "Einerseits stillen sie unsere Neugier darauf, was im eigenen Körper passiert. Andererseits geben sie das Gefühl, gezielt etwas verbessern zu können." Studien legen nahe, dass Fitnesstracker Menschen zu mehr Bewegung motivieren und so langfristig die Herz-Kreislauf-Gesundheit verbessern.
Wenn Zahlen wichtiger werden als das KörpergefühlWer übertreibt, hat durch permanente Selbstvermessung aber auch Risiken. Die Systeme basieren auf Sensoren und Algorithmen, die präzise sind. Die meisten User:innen sind aber Lai:innen. Problematisch wird es laut Attig dann, wenn Zahlen zur maßgeblichen Instanz werden. Ein Beispiel: Man wacht morgens erholt auf, doch der Tracker meldet schlechten Schlaf und einen niedrigen Tagesscore. Plötzlich erscheint die eigene Wahrnehmung weniger verlässlich als das Display, und man fühlt sich gestresst, nur aufgrund der Daten. Technik wird meist mehr vertraut als der eigenen Intuition, die dadurch gestört werden kann. Eine solche Verschiebung kann auch die sogenannte "Health Anxiety" verstärken, die übermäßige Sorge um die eigene Gesundheit, bei der körperliche Signale oder Gesundheitsdaten ständig als Krankheitszeichen gedeutet werden.
Auch die Motivation verschiebt sich. Wer zunehmend "für das Gerät" trainiert und sich schuldig fühlt, wenn Schrittziele unerreicht bleiben, orientiert sich weniger am eigenen Antrieb als am äußeren Druck, weiß Attig. Hinzu kommt ein Wettbewerbsgedanke: "Sozialer Vergleichsdruck ist tatsächlich einer der häufigsten Gründe, warum Menschen mit dem Tracken wieder aufhören." In sozialen Medien werden Trainingsroutinen, Schlafscores oder Biohacking-Strategien ständig sichtbar – und verstärken das Bild vom Körper als dauerhaft optimierbarem Projekt.
Ein neuer Blick auf GesundheitDennoch: Dr. Andrea Gartenbach, Internistin mit Schwerpunkt Präventions- und Longevity-Medizin, sieht im Health-Tracking medizinisches Potenzial. Lange betrachtete die Medizin Gesundheit vor allem anhand einzelner Laborwerte, also lediglich Momentaufnahmen eines komplexen Systems. Wearables zeigen erstmals, wie sich der Körper im Alltag an Belastungen anpasst und reguliert: "Wie Schlaf, Stress, Bewegung, Ernährung und mentale Herausforderungen zusammenwirken." Damit verschiebt sich auch der Fokus der Präventionsmedizin, weg von einzelnen Werten hin zur Fähigkeit des Körpers, Belastungen auszugleichen und wieder in Balance zu kommen.
Warum mehr Daten nicht automatisch gesünder machenGleichzeitig betont Gartenbach: Mehr Daten bedeuteten nicht automatisch mehr Gesundheit. "Das Gerät ist nie die Lösung, sondern ein Spiegel." Entscheidend seien Entwicklungen über Zeit und Zusammenhänge, die medizinisch eingeordnet werden müssen, denn "einzelne Werte allein sagen wenig aus". Und nicht alles muss getrackt werden. Schlaf, Herzfrequenz oder Bewegung sind sinnvoll, doch wie weit der Trend zur Selbstvermessung gehen kann, zeigen neue Technologien: In den USA gibt es bereits "smarte" Toilettendeckel, die nach dem Toilettengang den pH-Wert analysieren. Wer ihn wirklich wissen muss, kann ihn auch mit einem Teststreifen für wenige Cent bestimmen – ganz ohne 350-Euro-Toilettendeckel.
Hinzu kommt: Tracker sind nicht für alle Menschen geeignet. Sie können laut Gartenbach Zwänge verstärken oder den Schlaf beeinträchtigen, etwa wenn der Alltag zunehmend darauf ausgerichtet wird. Dann werden soziale Aktivitäten mitunter abgesagt, nur um den Health-Daten gerecht zu werden. Aber: "Nur weil die Daten gut sind, heißt das nicht automatisch, dass es einem auch gut geht." Ob Health-Tracking zu einem besseren Verständnis des eigenen Körpers und zu mehr Gesundheit beiträgt, entscheidet sich letztlich am Umgang mit den Daten. Internistin Dr. Andrea Gartenbach: “Wearables können helfen, den eigenen Körper besser zu verstehen, wenn sie Orientierung bleiben und nicht zum Maßstab für das eigene Wohlbefinden werden.”
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