Serie auf Paramount+ | »Dutton Ranch« und das Spiel lukrativer Kundenbindung
Ach, was sind die beiden doch alt geworden. Und was sind sie dabei doch jung geblieben. Vor gut zwei Wochen ist das Sequel des Mode-Blockbusters »Der Teufel trägt Prada« angelaufen. Ziemlich genau 20 Jahre nach dem Original haben Miranda Priestley und Andy Sachs zwar drei, vier Fältchen mehr im Gesicht. Doch als wäre der Juni 2006 nicht 239, sondern 23,9 Monate her, schlagen Meryl Streep und Anne Hathaway dem Reifungsprozess Normalsterblicher ein branchenübliches Schnippchen.
So ist es eben, wenn Hollywood ein relativ frisches, höchst ertragreiches Feld bestellt: Legacy Sequels. So heißen die Fortsetzungen erfolgreicher Filme oder Serien, deren Originalveröffentlichungen oft Dekaden her sind. Sie knüpfen thematisch an, ohne bloß stumpf zu kopieren. Fast 30 Jahre zum Beispiel waren 2010 bis zum (Spin-Off genannten) Ableger des Videospielspektakels »Tron« von 1982 vergangen und damit knapp doppelt so viele wie vor der (Prequel genannten) Vorgeschichte von »Star Wars« 1999. Und auch das Fernsehen badet gerade fleißig in Nostalgie.
In Film und Fernsehen ist das naturwissenschaftlich widerlegte Perpetuum Mobile nämlich keine Science-Fiction, sondern bodenständige Realität.
Erst kürzlich krochen von »Malcolm mittendrin« bis »Scrubs« serienweise Millennials aus der analogen Flimmerkiste. Damit folgten die erwachsenen Mittelschichtkinder und -ärzte einer Reihe reanimierter Boomer um »Frasier« und »Roseanne« auf digitale Flatscreens, nachdem Netflix den Mehrgenerationenhaushalt »Full House« 2016 zum »Fuller House« erneuert, also mehr als zwei Jahrzehnte zwischen Ursprungsserie und Legacy Sequel gelegt hatte. Mitunter graben Streaming-Dienste also erdkrustentief nach Bodenschätzen des linearen Zeitalters.
Wobei noch ergiebigere Goldreserven vergleichsweise knapp unter der Oberfläche lagern. In den Bergen Montanas zum Beispiel. Dort nämlich reiten Beth Dutton (Kelly Rilley) und Rip Wheeler (Cole Hauser) mal wieder der Sonne einer ungewissen Zukunft entgegen. Anderthalb Jahre, nachdem die heimische Ranch der skrupellosen Rancher an noch viel skrupellosere Finanzinvestoren übergangen ist, wollen sie sich gerade eine neue Existenz aufbauen – da geht ihre Farm in Flammen auf und beide ziehen weiter nach Texas.
So leitet Paramount+ die zweite Fortsetzung der weltweit erfolgreichen Endlosserie »Yellowstone« ein. Und es wird gewiss nicht die letzte sein. »Dutton Ranch« folgt schließlich unmittelbar aufs vorherige Spin-Off »Marshals« um Beths freundlichen Bruder Kayce (Luke Grimes) und gesellt sich damit zu zwei Vorgeschichten der Jahre »1881« und »1923«. Eine Erweiterung auf »1944« ist bereits ebenso in Arbeit wie die Ziffernfolge »6666« – auch wenn sie (zum Glück) kein Jahr, sondern eine Ranch nahe der mexikanischen Grenze bezeichnet. Dort also, wo die Restfamilie Dutton ab sofort mit Beulah Jackson (Annette Bening) samt Sippe kollidiert.
Und wie! Der »Grizzly in Gucci« teilt nämlich nicht nur den Härtegrad der Kampfbandagen mit Rip und Beth. Wie deren ermordeter Vater John (Kevin Costner), hat die texanische Großgrundbesitzerin auch noch je einen missratenen (Jai Courtney) und empathischen (Juan Pablo Raba) Sohn auf unterschiedlich irrationalem Kriegsfuß mit allem, was Texas fremd ist. Dass ihre Enkeltochter (Natalie Alyn Lind) nebenbei natürlich ein Auge auf Beths Ziehkind Carter (Finn Little) wirft, heizt den Schwelbrand verfeindeter Clans nur noch weiter zu einem Buschfeuer an, das physikalische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzt.
In Film und Fernsehen ist das naturwissenschaftlich widerlegte Perpetuum Mobile nämlich keine Science-Fiction, sondern bodenständige Realität. Mithilfe seiner vier Brennstoffe Nostalgie, Gewöhnung, Synergie und Marketing erzeugt es ohne Beigabe zusätzlicher Energie einen Antrieb, der sich selbst befeuert. Anders als Remake oder Reboot genannte Neuinterpretationen alter Stoffe schlachten Ableger aller Art Erfolgsformate mit geringstmöglichem Reibungsverlust aus. Schließlich sind deren Inhalte, Figuren und Darsteller so gut bekannt, dass sie die Effizienz der Drehbücher, Filmsprache und Werbung automatisch mitziehen.
Den Anfang dieses Multimilliardengeschäfts machten – im Fahrwasser einer konstant hohen Menge Weiterentwicklungen vom »Raumschiff Enterprise« – die Zeichentrickkonzerne Marvel und DC. Letzterer jagte »Batman« ab 1989 in acht Jahren viermal über die Leinwand. Erster entfesselte dank Toby Maguires »Spider-Man« eine Superhelden-Flut, die seit 2002 ungebremst durch Kinosäle und Wohnstuben rauscht. Und so stetig an Höhe gewinnt, dass der Trailer zu Tom Hollands neuestem Film mit dem Spinnenmann, »Brand New Day«, unlängst sagenhafte 718 Millionen Mal geschaut wurde.
Da überrascht es allein schon angesichts der zehn weitgehend identischen Autobahnrasereien »The Fast and The Furious« wenig, dass sich unter den 20 meistgesehenen Blockbustern auf amerikanischer Leinwand 2024 ganze zwei Originalstoffe befanden. Die Top Ten enthielten sogar ausnahmslos Variationen erprobter, meistens muskelbepackter, gerne interstellarer, jedenfalls global verwertbarer Franchises.
Dass mittlerweile sieben von zehn Werken der Unterhaltungsweltmarktführer Universal, Disney, Warner, Sony, Paramount und Lionsgate Eigenreproduktionen sind, schlägt sich allerdings auch im Home Entertainment nieder. Hier wächst die Zahl zweiter bis 43. Staffeln (»Doktor Who«) demnach im Gleichschritt mit Spin-Offs. Vom Hauptstrom der elf Ausgaben von »The Walking Dead« zweigen bisher sechs Seitenarme mit Titeln wie »Daryl Dixon« oder »World Beyond« ab und bedienen damit zweierlei: das Nostalgiebedürfnis eines mitgealterten Stammpublikums und knallharte Wirtschaftsinteressen des verantwortlichen Senders AMC, dem die Zombie-Jäger dank Lizenzvergaben und Merchandising längst mehr Umsatz einbringen als die Abo-Gebühren eigener Portale.
Die Folgen solcher Reproduktionsmaschinen sind gravierend: Klischeehafte Protagonisten repetitiver Storys in stereotyper Ästhetik zu formatiertem Sound – so mahlt der fiktionale Mainstream jede Kreativität so nachdrücklich zu Staub, bis die Zuschauer kein Bedürfnis mehr danach verspüren. Kein Wunder also, dass Beth und Rip mit Beulah und Rob-Will rings um die Dutton-Ranch exakt dieselben Kämpfe ausfechten wie in den 5000 Serienminuten der gleichen Serie zuvor. So funktioniert das Spiel lukrativer Kundenbindung.
»Manchmal müssen Jungs lernen, wo der gesunde Menschenverstand endet«, meint ein Sheriff, als er den jungen Carter nach einer Schlägerei in der ersten Folge aus dem Knast holt, »und wo eine Faust beginnt«. Hollywoods turbokapitalistisch-kommerzialisierte Faust ist dabei das Spin-Off in all seinen Ausprägungen. Und auch wenn der zugehörige Körper mitunter Luxusfummel von Prada trägt: Ihr Schlag trifft Film oder Fernsehen härter als jeder Hieb von Sylvester Stallones Rocky. Wobei: Selbst der musste 2023 zum neunten Mal seit 1976 in den Ring.
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