»Resurrection« im Kino | Solang’ man Träume noch leben kann
Es hört sich kompliziert an, das ist es aber im Grunde gar nicht. Die Rahmenhandlung von »Resurrection«, dem dritten Spielfilm des 37-jährigen chinesischen Regisseurs Bi Gan, kommt als Science-Fiction-Story daher: In der Zukunft (über die man kaum etwas erfährt) haben die Menschen das Problem der Sterblichkeit gelöst. Sie leben ewig, doch dafür ist ihnen die Fähigkeit des Träumens abhandengekommen. Träumen bringt nicht nur den chronologischen Lauf der Zeit durcheinander, sondern verbraucht leider auch zu viel Lebenszeit, weshalb man es kurzerhand abgeschafft hat. Ein fades Leben ist das in der Zukunft. Was man schon daran erkennt, dass zu Beginn eine Leinwand von Flammen aufgezehrt wird und Menschen von der Polizei aus einem Kino geprügelt werden. Denn natürlich steht die Kinoerfahrung für genau das: das bewusste kollektive Träumen und das leidenschaftliche Verschwenden der Lebenszeit.
Doch mindestens ein vergessener oder übersehener Träumer – im Film werden sie »Fantasmer« genannt – existiert offenbar noch. Es ist eine sonderbare Figur, die nicht von ungefähr selbst wirkt wie eine Gestalt aus einem Fiebertraum oder einem David-Lynch- oder David-Cronenberg-Film (in ihrem Körper beherbergt sie einen Filmprojektor) und deren Äußeres dem Grafen Orlok aus Murnaus »Nosferatu«-Verfilmung nachgebildet scheint. Der Träumer, der sich in einer Art Keller oder Tunnel unterhalb einer Opiumhöhle verbirgt, vertilgt Schlafmohnblumen in rauen Mengen. Geträumt wird von ihm – der dadurch rascher altert und sein Leben verkürzt – dann intensiv und ausgiebig. »Illusionen können Schmerz verursachen, aber sie sind auch unglaublich real«, sagt er zu jener staatlichen Agentin, die heimliche Träumer wie ihn aufspüren und eliminieren soll. »Ich möchte lieber sterben, als in diese Fake-Welt zurückgehen.« Das ist ein verständlicher Wunsch, also wird er ihm gewährt. Sein Körper wird zum Kino, zum Ort der kollektiven Fantasie, so könnte man sagen. Das ist aber kein Problem, denn im Film und im Traum ist derlei möglich.
Bei den vier geträumten Episoden, die in die Science-Fiction-Rahmenhandlung, die den Prolog und den Epilog bildet, eingewoben sind, handelt es sich um jeweils etwa halbstündige Hommagen an diverse Filmgenres: den Stummfilm (in dem man der Filmarchitektur von »Das Cabinet des Dr. Caligari« und »Nosferatu« wiederbegegnet), den düsteren Film Noir (Nebel, Rauch, Spiegel, Finsternis), die schelmenhafte Gaunerkomödie der 60er und 70er Jahre, die hintersinnig-melancholische Ghost Story sowie den Liebes-/Vampirfilm (der mit seinem Schattenspiel, dem glitzernden und funkelnden strömenden Regen und seinem grellfarbenen Neonlicht die Filme Wong-Kar-Wais zitiert und mit einer 36 Minuten langen Einstellung aufwartet). Zugleich erzählen die vier kurzen, im Film eingebetteten Filme die Geschichte Chinas. Zumindest werden dem Zuschauer zahllose Verweise auf das China der vergangenen 130 Jahre geliefert, vom Boxeraufstand über den Weltkrieg und die Kulturrevolution bis zur Gegenwart. Das Kino feierte übrigens vergangenes Jahr seinen 130. Geburtstag. Was für ein Zufall.
Für das permanente Schwinden der Zeit findet der Regisseur immer wieder neue Bilder.
Sie merken schon: Vielleicht ist hier alles doch ein wenig komplizierter als anfangs behauptet. Vielleicht hat man es gar nicht mit einem Science-Fiction-Film zu tun, vielleicht ist die Genrebezeichnung in diesem Fall nur ein behelfsmäßiges sprachliches Gerüst. Schon die ersten beiden Filme des Regisseurs changierten zwischen totaler Halluzination und dem Blick auf das im wahrsten Sinn des Wortes Wundersame an der Realität.
Was nun die gleichermaßen fantastische wie artifizielle Bilderwelt in Bi Gans neuem Film angeht: Eher denn als Sci-Fi ist er als surrealistisches Episodendrama zu betrachten, das auf mehreren Ebenen funktioniert wie ein überdimensioniertes, selbstreferenzielles Puzzle und zugleich wie ein bewegtes Suchbild für Cineasten. Und er ist außerdem eine formal ambitionierte Liebeserklärung an die Kunstform Film und die Illusionsmaschine Kino. Derlei lieben die Filmkritiker erfahrungsgemäß, weswegen das Werk vergangenes Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes auch den Spezialpreis der Jury erhalten hat. Obendrein ist der Film zusammengesetzt aus einzelnen Geschichten, von denen jede für sich auf ihre Art verspielt Bezug nimmt auf die Filmgeschichte und die wechselhafte Vergangenheit Chinas. Puh! »Ganz schön viel auf einmal!«, könnte man jetzt sagen, käme nicht noch eine weitere Ebene (Puzzle! Spiegel! Vexierspiel! Postmoderne!) hinzu.
Denn ganz nebenbei ist Bi Gans Film auch eine Art Meditation über das Wesen und das Vergehen der Zeit: Verhandelt werden in den einzelnen Episoden auch Alter und Kindheit, Leben und Sterben, das Vergessen und das Erinnern, das rückstandslose Verschwinden und das Festhalten der Zeit (durch Fotografie und Film). Für das permanente Schwinden der Zeit findet der Regisseur immer wieder neue Bilder, teils abgegriffene, wie eine langsam dahinschmelzende Wachskerze, teils ungewöhnliche, etwa sich aus Algen zusammensetzende Schriftzeichen, die sich auf der bewegten Wasseroberfläche, auf der sie treiben, allmählich auflösen. Und es geht darum, was Sinneswahrnehmungen wie Geruch, Gehör und Geschmack damit zu tun haben (Marcel Prousts »Madeleine« lässt schön grüßen).
Tatsächlich kann’s passieren, dass man aufgrund des Zitatreichtums und der verschachtelten Erzählweise dieses Zweieinhalbstundenfilms hie und da nicht mehr jedem Detail folgen kann. Viele Szenen schreien den Betrachter förmlich an: »Hier, schau mal bitte genau hin, was hier im Bild alles aufgefahren wird!« Dafür wird man entschädigt von der gestalterischen Opulenz vieler Szenen, der Ausstattung, der kunstvoll gehandhabten Licht-/Schatten-Ästhetik, der Bandbreite der verwendeten filmischen Verfahren, Techniken und Tricks und der über weite Strecken detailverliebten Bildkomposition.
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