Angela Merkel zögert und tut es dann doch: Sie stellt ein Buch aus dem Iran vor

Sie habe gezögert, als sie vom Pfaueninsel-Verlag gefragt wurde, das Buch „Auf den Straßen Teherans“ vorzustellen, gibt die Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel zu. Da steht sie am Mittwochabend auf der Bühne des bis auf den letzten Platz besetzten Berliner Ensembles bei eben dieser Vorstellung des kürzlich in Deutschland erschienenen Buchs einer iranischen Autorin, die sich Nila nennt. Ein Pseudonym, das ihrem Schutz dient.
Sie habe gezögert, fährt Angela Merkel fort, nicht, weil sie Nilas Kampf für Freiheit und den der iranischen Zivilgesellschaft nicht unterstützenswürdig fände. „Aber ich fragte mich, ob ich für die Vorstellung eines solchen Buchs die Richtige sein konnte.“ Sie habe sich gefragt, was ihre Rolle dabei sein sollte.
Angela Merkel nennt Nila die Hauptperson dieses Abends, und sie bedauert es, dass sie sie nicht auf der Bühne begrüßen kann. Aber ihre Überlegungen gelten auch ihr selbst, ihrer Rolle als Politikerin und als Politikerin a.D., die sie seit viereinhalb Jahren ist. Sie denkt an die Zeit als Bundeskanzlerin, die mit den Verhandlungen befasst war, die 2015 zum Atomabkommen mit dem Iran führten. Und sie fragt, wie sehr die internationale Staatengemeinschaft den Menschen im Iran überhaupt hat helfen können. Dann ein Satz so überraschend, wie schonungslos: „Wenn wir ehrlich sind, wenig.“
Und nun habe sie gar keine operativen Möglichkeiten mehr, auf die Entwicklung im Iran Einfluss zu nehmen. „Was also konnte mein Beitrag sein?“
Angela Merkel erinnert sich an die DDRBevor sie ihre Entscheidung traf, hat Angela Merkel Nilas Buch gelesen. „In den Straßen Teherans“ erzählt so poetisch wie eindringlich von den landesweiten Protesten, die 2022 nach dem Tod der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam ausgelöst wurden, die angeblich ihr Kopftuch nicht den Gesetzen entsprechend trug, von den Festnahmen, den Hinrichtungen, als das Regime zurückschlug, von Nilas Rolle als Zeugin und Aktivistin, von dem schon viel länger dauernden Kampf der Iranerinnen um ihr Recht.
Angela Merkel erzählt, dass sie Hoffnung gespürt habe, wenn Nila beschreibt, wie sie in der Gemeinschaft Kraft schöpft, von ihrem Mut, nachts ‚Frau, Leben, Freiheit‘ aus den Fenstern zu rufen, von der Angst, die Nila erfasst, wenn sie vor Polizisten flieht, den Psychoterror, der entsteht, weil die Regierung das Internet abschaltet und Informationen nur noch stückchenweise erreichbar sind.
Nila gehe hart mit der Generation ihrer Eltern ins Gericht, deren Erziehung auf Angst aufgebaut gewesen sei, sagt Merkel. Das habe ein wenig an ihre eigene Kindheit und Jugend in der DDR erinnert. „Meine Eltern waren für meine Geschwister und mich so etwas wie ein Schutzraum im Staat.“
Es ist ganz still im Saal, wenn Angela Merkel sagt, sie habe Nilas Buch in einem Zug gelesen, so sehr habe es sie gefesselt und berührt. „Danach dachte ich, vielleicht sollte ich meine nachamtliche Rolle nutzen, um wenigstens einen kleinen Beitrag zu leisten.“
Während der Buchvorstellung im Berliner Ensemble
© Soeren Stache/dpa
Angela Merkel zitiert immer wieder Sätze aus dem Buch, spricht nicht nur über Nila, sondern lässt sie selbst sprechen. Etwa den Satz aus Nilas Vorwort für die deutschsprachige Ausgabe, geschrieben im Oktober 2025: „Unterdessen wächst der Druck auf die Frauen, trotzdem gehen die Kämpfe und das zivilgesellschaftliche Engagement weiter und sie werden nicht aufhören.“ In diesen Worten habe sie neue Entschlossenheit gespürt.
Einige Wochen, im Dezember 2025 und im Januar 2026, erfasste wirklich eine neue Protestwelle das ganze Land, aber auch eine neue brutale Reaktion des Regimes. Im Januar 2026 gab es tausende Tote. In dieser Zeit erreichte Angela Merkel die Anfrage zur Buchvorstellung
Angela Merkel: „Deshalb bin ich hier“„Sehen wir heute Abend gemeinsam hin“, appelliert Angela Merkel an diesem Mittwoch in Berlin. Deshalb sei sie hier. „Als Frau, als ehemalige aktive Politikerin, als Bundeskanzlerin a.D.“ Und dann ist sie in der Gegenwart, dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Sie kritisiert die Politik, die Medien, viele Menschen auch in Deutschland, wenn sie sagt, dass das Schicksal der iranischen Zivilbevölkerung gegenüber der Aufmerksamkeit für Seeblockaden und der Sorge um Benzin- und Kerosinknappheit völlig in den Hintergrund getreten sei. „Sehen wir heute Abend gemeinsam hin, damit die Frauen und Mädchen, ihr Widerstand gegen Unfreiheit und Unterdrückung, nicht vergessen werden und damit sie spüren, dass sie nicht allein sind.“
Wie wichtig es für die Menschen in Iran ist, wahrgenommen und gehört zu werden, wird auch in der anschließenden Gesprächsrunde deutlich. Auf dem Podium sind die iranisch-deutsche Autorin Asal Dardan, die Nilas Buch übersetzt hat, die Journalistin und Ärztin Gilda Sahebi, die Journalistin Isabel Schayani, alle drei mit einem iranisch-deutschen Hintergrund und Phoebe Gaa, die für das ZDF immer wieder aus dem Iran berichtet.
Als sie ihren Freunden im Iran erzählt habe, dass Angela Merkel über sie sprechen wird, habe ihnen das unendlich viel bedeutet, sagt Gilda Sahebi. Denn das iranische Regime habe seine Verbrechen immer in der Dunkelheit begangen. „Bitte, redet über uns“, sei der Satz, den sie immer wieder höre, sagt auch Asal Dardan. Von ihr erfährt das Publikum, dass Nila den Iran im Januar verlassen hat und nun im Exil lebt. In einer prekären Sicherheit außerhalb des Iran, dem sie dieses Buch gewidmet hat: „Für mein Heimatland“.
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